Dormanz

🌱 Was bedeutet Dormanz bei Samen?

Dormanz beschreibt einen Zustand, in dem Samen trotz geeigneter Umweltbedingungen nicht sofort keimen können. Das ist kein „Defekt“, sondern ein evolutiver Schutzmechanismus.

Ziele der Dormanz:

  • Keimung auf günstige Jahreszeit verschieben
  • Verteilung der Keimung über mehrere Jahre (Risikostreuung)
  • Schutz vor Frost, Trockenheit oder Fraß

Gerade bei mediterranen oder kontinentalen Habitaten – also typischen Schildkrötenhabitaten – ist das extrem verbreitet.


🌾 Typische Dormanzformen bei Futterpflanzen

Viele klassische Schildkröten-Futterpflanzen zeigen eine oder mehrere dieser Dormanztypen:

1. Physiologische Dormanz

👉 Keimhemmstoffe im Samen verhindern sofortiges Austreiben.

Sehr häufig bei:

  • Löwenzahn
  • Wegerich-Arten
  • Disteln
  • Malvengewächsen

🔬 Wird meist durch Kälteperiode (Stratifikation) aufgehoben.


2. Physikalische Dormanz

👉 Samenschale ist wasserundurchlässig.

Typisch bei:

  • Leguminosen (z. B. Klee, Hornklee, Luzerne)

🔬 Aufhebung z. B. durch:

  • Frostwechsel
  • mechanische Beschädigung
  • Verdauung durch Tiere
  • Verwitterung

3. Morphologische Dormanz

👉 Embryo im Samen ist bei Reife noch nicht vollständig entwickelt.

Kommt seltener vor, aber existiert bei einigen Wildpflanzenarten.


❄️ Rolle der Stratifikation

Viele Wildkräuter benötigen:

👉 Kälteperiode + Feuchtigkeit

Das simuliert Winterbedingungen. Erst danach keimen sie zuverlässig.

Typische Praxis:

  • 4–12 Wochen bei etwa 0–5 °C
  • Samen dabei feucht lagern (z. B. Sand oder Küchenpapier)

Das erklärt übrigens, warum viele Futterpflanzen nach Herbstaussaat besser auflaufen als bei Frühjahrsaussaat.


🌞 Licht- und Temperaturabhängigkeit

Zusätzlich zur Dormanz reagieren viele Arten auf:

  • Lichtkeimer (z. B. viele Asteraceae)
  • Dunkelkeimer
  • Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht

Das sorgt dafür, dass Samen nur unter realistischen Freilandbedingungen keimen.


🐢 Bedeutung für Schildkrötenhaltung

Dormanz ist ökologisch extrem wichtig, weil:

  • sie natürliche Vegetationsdynamik unterstützt
  • Dauerfutterflächen stabilisiert
  • Selbstversamung ermöglicht
  • Pflanzenarten über Jahre im Boden-Samenpool erhalten bleiben

Gerade bei naturnaher Freilandhaltung kann man sich Dormanz zunutze machen, indem man Mischungen einfach im Herbst aussät und der Natur den Rest überlässt.


🌿 Praktische Tipps für Futterpflanzen-Aussaat

✔ Herbstaussaat bevorzugen
✔ Samen nur leicht andrücken – viele sind Lichtkeimer
✔ Geduld haben – Keimung kann über Monate gestreckt sein
✔ Boden nicht ständig umgraben (Samenbank zerstört sich sonst)

Übersicht: Dormanz und Aussaat typischer Schildkröten-Futterpflanzen

PflanzenartDormanztypAufhebung der DormanzOptimale Aussaatstrategie
Löwenzahn (Taraxacum officinale)schwache physiologische Dormanzmeist keine oder kurze KälteperiodeFrühjahr oder Herbst möglich; Lichtkeimer, nur andrücken
Spitzwegerich (Plantago lanceolata)physiologische Dormanzkurze Kältephase fördert KeimrateHerbst sehr zuverlässig; flach aussäen
Breitwegerich (Plantago major)physiologische DormanzKälte + FeuchtigkeitHerbstaussaat bevorzugt
Ribwort-Wegerich (Plantago media)physiologische DormanzStratifikation sinnvollHerbst oder Kältebehandlung vor Frühjahrsaussaat
Hornklee (Lotus corniculatus)physikalische Dormanz (harte Samenschale)mechanische Schädigung, Frostwechsel, SkarifizierungHerbstaussaat oder Samen leicht anrauen
Weißklee (Trifolium repens)physikalische Dormanz (teilweise)Frostwechsel / mechanische EinwirkungFrühjahr oder Herbst möglich; leicht einarbeiten
Rotklee (Trifolium pratense)physikalische DormanzSkarifizierung verbessert KeimrateFrühjahr oder Herbst; flach einarbeiten
Luzerne (Medicago sativa)physikalische Dormanzmechanische Schädigung oder TemperaturschwankungenFrühjahrsaussaat üblich; Boden gut vorbereiten
Malve (Malva sylvestris)physiologische + leichte physikalische DormanzFrostwechsel oder längere LagerungHerbstaussaat sehr effektiv
Moschus-Malve (Malva moschata)physiologische DormanzKälteperiode fördert KeimungHerbstaussaat empfohlen
Wilde Möhre (Daucus carota)physiologische DormanzStratifikation notwendigHerbst oder künstliche Kältebehandlung
Schafgarbe (Achillea millefolium)geringe physiologische DormanzLicht + TemperaturwechselFrühjahr oder Herbst möglich; Lichtkeimer
Gänsedistel (Sonchus oleraceus)kaum Dormanzkeine Behandlung nötigFrühjahr bis Herbst möglich
Wilde Rauke (Diplotaxis tenuifolia)geringe Dormanzmeist keine nötigFrühjahrsaussaat sehr zuverlässig
Natternkopf (Echium vulgare)physiologische DormanzKälteperiode erforderlichHerbstaussaat klar bevorzugt
Flockenblumen (Centaurea spp.)meist physiologische DormanzWinterkälte fördert KeimungHerbstaussaat empfehlenswert
Wegwarte (Cichorium intybus)physiologische DormanzStratifikation verbessert KeimungHerbst oder frühes Frühjahr

Einordnung der Dormanztypen (Kurzüberblick)

Physiologische Dormanz

➡ Keimhemmstoffe verhindern sofortige Keimung
➡ Wird meist durch Winterbedingungen aufgehoben
➡ Sehr häufig bei Asteraceae und Apiaceae

Physikalische Dormanz

➡ Wasserundurchlässige Samenschale
➡ Besonders typisch für Fabaceae
➡ Aufhebung durch Skarifizierung, Frost oder Verdauung


Praktische Empfehlungen für naturnahe Schildkrötenflächen

🌱 Herbstaussaat (ökologisch am sinnvollsten)

Sehr geeignet für:

  • Wegerich-Arten
  • Natternkopf
  • Wilde Möhre
  • Malven
  • Flockenblumen
  • Wegwarte

👉 Vorteil: natürliche Stratifikation, höhere Keimraten, robustere Pflanzen


🌱 Frühjahrsaussaat (funktioniert gut bei)

  • Löwenzahn
  • Kleearten
  • Luzerne
  • Schafgarbe
  • Rauke
  • Gänsedistel

👉 Bei Leguminosen ggf. Skarifizierung verbessern


Saattechnik für Wildpflanzenmischungen

✔ Samen nur flach andrücken
✔ Viele Arten sind Lichtkeimer
✔ Keine nährstoffreichen Substrate verwenden
✔ Boden möglichst mager halten
✔ Keimung kann über mehrere Vegetationsperioden erfolgen (Samenbank!)


Fachlich wichtiger Hinweis zur Populationsdynamik

Viele typische Schildkrötenfutterpflanzen sind persistent im Boden-Samenpool.
Dormanz sorgt dafür, dass selbst nach Trockenjahren oder starker Beweidung Pflanzen wieder erscheinen können. Das ist für stabile, langfristige Futterflächen entscheidend.