
Frühstart ins Futterpflanzenjahr
Wer seinen Landschildkröten möglichst früh im Jahr frische, naturnahe Nahrung anbieten möchte, kann bereits im Spätwinter mit der Anzucht geeigneter Futterpflanzen beginnen. Viele Wildkräuter lassen sich problemlos auf der Fensterbank, im Mini-Gewächshaus oder im Frühbeet vorziehen und stehen dadurch deutlich früher zur Verfügung als Pflanzen aus dem Freiland.
Die eigene Anzucht ermöglicht zudem eine gezielte Auswahl strukturreicher, rohfaserhaltiger und ernährungsphysiologisch wertvoller Pflanzenarten, die dem natürlichen Nahrungsspektrum freilebender Landschildkröten entsprechen.

Warum sich eine frühe Anzucht lohnt
Gerade im zeitigen Frühjahr, wenn unsere Schildkröten im März ausgewintert werden, ist das natürliche Pflanzenangebot noch eingeschränkt. Durch eine Vorkultur lassen sich bereits früh hochwertige Futterpflanzen bereitstellen. Gleichzeitig kann die Pflanzenvielfalt gezielt erhöht werden, was eine abwechslungsreiche Ernährung ermöglicht und die natürliche Nahrungsaufnahme fördert. Eine zeitweise Fütterung von Bittersalaten kann so deutlich eingeschränkt werden.

Geeignete Futterpflanzen für die Anzucht
Bewährte Arten sind:
- Löwenzahn (Taraxacum officinale)
- Spitzwegerich (Plantago lanceolata)
- Breitwegerich (Plantago major)
- Wegwarte (Cichorium intybus)
- Wilde Möhre (Daucus carota)
- Malvenarten (Malva spp.)
- Flockenblumen (Centaurea spp.)
- Kornblume (Centaurea cyanus)
- Gänsedistel (Sonchus spp.)
- Wilde Rauke (Diplotaxis tenuifolia)
Diese Pflanzen liefern wertvolle Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe und entsprechen dem natürlichen Nahrungsspektrum Europäischer Landschildkröten. Bei Tiefwurzlern wie Wegwarte und Löwenzahn muss man die Menge der Aussaaterde entsprechend anpassen, damit man die Pflanzen nicht zu früh vereinzeln („Pikieren“) muss, wenn sie noch empfindlich sind.
Aussaat & Bodenvorbereitung
Die Anlage geeigneter Futterflächen beginnt mit einer sorgfältigen Standort- und Bodenvorbereitung.
Aussaat direkt im Gehege
Idealerweise erfolgt die Aussaat direkt in das gut gekalkte Schildkrötengehege. Besonders geeignet sind:
- Grasfreie, gekalkte Flächen, die man leicht mit der Harke aufrauen sollte.
- Kalkhaltige, magere Standorte, es empfiehlt sich, das Gehege mehrmals im Jahr mit Dolomitkalk in Pulverform zu kalken und den Kalk gut einzuschlämmen.
- Bereiche mit Kalkschotter oder anderem mineralischem Untergrund sind besonders gut geeignet.
Die Futterpflanzen profitieren von nährstoffarmen, gut drainierten kalkhaltigen Böden, wie sie auch in natürlichen Habitaten vorkommen. Beim Wachstum nehmen sie das Kalzium aus dem Substrat auf und versorgen so unsere Schildkröten in Verbindung mit UV-Licht mit wertvollem Kalzium für Panzer, Knochen und Eibildung. Wissenswert dazu sind die Artikel zum Sonnenplatz mit UV-Anteil, zum Kalzium-Phosphor-Verhältnis, zu Futter und Kalzium und zur Gesundheit. Eine gute Kalzium- und UV-Versorgung ist ein wichtiger Bestandteil der artgerechten Haltung Europäischer Landschildkröten.

Vorkultur als frühe Alternative

Ist eine Direktaussaat aufgrund des Wetters noch nicht möglich, kann eine Vorkultur wie folgt erfolgen:
- Anzuchtschalen oder Kästen
- Hochbeete mit Frühbeetaufsatz
- Foliengewächshäuser
- Fensterbankanzucht im Minigewächshaus
Die Jungpflanzen werden später bei guter Wurzelbildung vereinzelt („pikiert“) und in größere Töpfe und später ins Gehege oder Frühbeet ausgepflanzt.

Boden vorbereiten
Viele Gartenböden sind zu nährstoffreich für Wildpflanzen. In solchen Fällen sollte der Boden gezielt abgemagert werden:
- Beimischung von Sand
- Einbringen von Kalkschotter
- Verwendung mineralischer Substrate, wie Dolomitkalk
Zusätzlich sollte die Bodenoberfläche leicht aufgeraut werden, um eine bessere Keimung zu ermöglichen.

Aussaattechnik
Wildkräutersamen sollten möglichst dünn ausgesät werden. Als Richtwert gilt:
👉 Aussaatmenge: ca. 1–2 g Saatgut pro m²
Bei sehr feinem Saatgut kann ein Saathelfer (z. B. Mischung mit wenig Sand) und die Verwendung einer Streudose die gleichmäßige Verteilung erleichtern.
Licht-, Kalt- und Dunkelkeimer beachten
Die meisten Wildkräuter sind Lichtkeimer. Ihre Samen sollten daher:
- nicht mit Erde bedeckt werden
- nur leicht angedrückt werden
Ausnahmen bilden Dunkelkeimer. Diese werden etwa samendick mit Substrat bedeckt. Man sollte die Angaben auf den Samentütchen kritisch hinterfragen und eigene Recherchen nutzen, um den Pflanzen einen optimalen Start zu bieten. Einige Anleitungen zu beliebten Futterpflanzen findet man hier.

Temperatur und Licht – entscheidend für die Keimung
Die meisten Wildkräuter keimen zuverlässig bei Temperaturen zwischen 18 und 22 °C. Einige Arten profitieren von Temperaturwechseln zwischen Tag und Nacht.
Da das natürliche Tageslicht im Spätwinter oft nicht ausreicht, kann der Einsatz einer UV-Pflanzenlampe sinnvoll sein. Natürlich kann man dazu während der Kältestarre unserer Tiere die Reptilien-LED aus dem Frühbeet nutzen. Zur Auswinterung im März sollte die Lampe dann aber wieder den Schildkröten zur Verfügung stehen, um die schlechte Lichtqualität in unseren Breiten zu kompensieren.

Gleichmäßige Feuchtigkeit sicherstellen
Während der Keimphase sollte das Substrat gleichmäßig feucht gehalten werden. Staunässe ist jedoch unbedingt zu vermeiden.
Abdeckungen, zum Beispiel transparente Hauben oder Folien, erhöhen die Luftfeuchtigkeit, sollten jedoch zum Schutz vor Schimmelbildung regelmäßig gelüftet werden.
Bewässerung & Keimung
- Nach der Aussaat das Substrat gut anfeuchten, und zwar vorsichtig mit der Blumenspritze.
- Das Substrat mindestens 6 Wochen leicht feucht halten, nicht austrocknen lassen, aber täglich lüften zum Schutz vor Schimmelbildung.
- Wildpflanzen keimen langsamer und ungleichmäßiger als Kulturpflanzen
- Die Keimdauer beträgt oft mehrere Wochen bis Monate, manche Samen keimen erst im zweiten Jahr nach der Aussaat.
- Kalt keimende Samen erscheinen häufig erst nach dem Winter und benötigen mehrere Wochen Temperaturen um die 0 Grad, diese Pflanzen sollten in den Außenbereich gebracht werden oder im Kühlschrank stratifiziert werden
- Insgesamt gibt es bei Wildkräutern eine niedrigere Keimrate als bei Kulturpflanzen, Samen die nicht gekeimt haben, kann man ab Mai im Garten ausbringen, eventuell befinden sie sich in Dormanz und keimen nächstes Jahr.
- Wenn sich kräftige Wurzeln gebildet haben, kann man die Pflanzen vereinzeln und beispielsweise in ein beheiztes Hochbeet mit Frühbeetaufsatz umpflanzen. Dort wachsen die Pflanzen weiter, bis sie einen Platz im Frühbeet oder Gewächshaus finden. Zur Beheizung ist oftmals eine Friedhofskerze mit 7-tägiger Brenndauer ausreichend, die man auf einem Tonuntersetzer mit darübergestülptem Tontopf (mit Loch) platziert. Diese sogenannte „Topfheizung“ ist bewährt und erspart Heizkosten.
➡️ Geduld ist entscheidend!

Kaltkeimer und Dormanz
Viele Wildpflanzen besitzen eine natürliche Keimruhe (Dormanz), die verhindert, dass Samen unter ungünstigen Bedingungen keimen. Besonders Kaltkeimer benötigen eine längere Kälteperiode.
Typische Beispiele:
- Schafgarbe (Achillea millefolium)
- Flockenblumen (Centaurea spp.)
- Wegwarte (Cichorium intybus)
- Wilde Möhre (Daucus carota)
Die Kältephase kann durch Herbst- bzw. Winteraussaat oder künstliche Stratifikation erfolgen.

Typische Aussaatfehler bei Wildkräutern
- Zu nährstoffreiche Erde (man verwendet idealerweise Aussaaterde oder günstige düngerarmenBlumenerde aus dem Discounter)
- Falsche Aussaattiefe
- Lichtmangel führt zum „Vergeilen“
- Staunässe
- Fehlende Kältephase
- Zu dichte Aussaat

Aussaatkalender (Februar – Mai)

Februar
Vorkultur wärmeliebender Arten unter Glas, ab Beheizung des Frühbeets auf 8 °C ist eine erste Aussaat im Frühbeet möglich.
März
Erweiterung der Aussaat unter Glas und Beginn der Direktaussaat für kälteresistente Samen im Freiland.

Mai
Anlage dauerhafter Futterflächen durch Umpflanzen ins Frühbeet und Gehege und Nachsaaten anderer Wildkräuter, um rund um die Saison eine große Vielfalt an Futterpflanzen anbieten zu können.

Pflege & Ernte von Futterpflanzenflächen
Nach erfolgreicher Etablierung benötigen Wildkräuterflächen nur geringen Pflegeaufwand, profitieren jedoch von gezielter Nutzung und regelmäßigem Abernten beziehungsweise Abfressen im Selbstversorgergehege.


Fazit
Die frühe Anzucht von Futterpflanzen im Frühbeet und auf der Fensterbank ermöglicht Landschildkröten bereits im Frühjahr ein naturnahes und vielfältiges Futterangebot. Wer Keimstrategien, Standortansprüche, Dormanz und natürliche Wachstumszyklen berücksichtigt, kann langfristig stabile und artenreiche Futterflächen etablieren. Alle Wildkräuter profitieren von einer regelmäßigen Ernte, die sie buschiger als zuvor nachwachsen lässt.

Literatur und Quellen
Arndt, S. & Pott, R. (2019): Wildpflanzen Mitteleuropas – Bestimmung, Ökologie und Nutzung.
Böhme, W. (Hrsg.) (2015): Handbuch der Reptilien und Amphibien Europas – Schildkröten.
Highfield, A.C. (1996): Practical Encyclopedia of Keeping and Breeding Tortoises.
Rothmaler – Exkursionsflora von Deutschland (2020).
Royal Botanic Gardens Kew: Seed Information Database.