Kontrollroutine für maximale Sicherheit
Eine kontrollierte Kühlschranküberwinterung Europäischer Landschildkröten bedeutet, dass die Tiere während der Kältestarre nicht unbeaufsichtigt bleiben, sondern durch regelmäßige, kurze Kontrollen sicher begleitet werden.
Dazu gehört einerseits die regelmäßige Kontrolle relevanter Parameter, z. B. die Temperatur am Tier und die Substratfeuchte, sowie eine ausreichende Sauerstoffzufuhr durch Lüften. Andererseits beinhaltet sie kurze, regelmäßige Checks und das Wiegen der Tiere.

Wichtig: Regelmäßige Kontrollen sind für fest starrende Tiere weder stressig noch belastend und müssen keinesfalls gefürchtet werden. Im Gegenteil: Sie erhöhen das Sicherheitsniveau der Starre deutlich, weil sich entstehende Probleme frühzeitig erkennen lassen.
In der Regel kontrollieren und wiegen wir die Tiere alle vier Wochen. Im letzten Drittel der Starre empfehlen wir eine häufigere Kontrolle alle zwei Wochen, da dieser Abschnitt als besonders sensibel gilt. Einige Reptilientierärzte empfehlen kürzere Kontrollintervalle.

Vorbereitung
Vor Beginn der Starre bzw. vor der Einwinterung sollte man alle Batterien von Waagen, Thermometern, Datenloggern und sonstigen Messgeräten vorsorglich austauschen. Schwache Batterien können zu Messfehlern, Datenverlust oder Ausfällen während der Starre führen – und damit die Sicherheit der Überwinterung beeinträchtigen. Ist ein Austausch noch nicht erfolgt, so sollte man ihn jetzt bei der ersten Kontrolle nachholen.

Praktische Tipps für die Kontrolle während der Kühlschrank-Starre
1) Kontrollen sollte man idealerweise an Werktagen durchführen, damit im Notfall ein Reptilientierarzt erreichbar ist. Am besten kann man zu zweit arbeiten – so geht es schneller, und das Tier ist zügig wieder in der Starrebox im Kühlschrank.
2) Den Raum mit dem Kühlschrank ca. 30 Minuten vor der Kontrolle gut lüften.
3) Keine helle „Festbeleuchtung“ , man sollte das Licht dimmen. Eine Taschenlampe sollte bereitgehalten werden, um den Bauchpanzer von unten gut kontrollieren zu können.
4) Waage, Notizzettel/Wiegeliste und Stift bereitlegen, Handy in den Kameramodus schalten. Die Waage auf eine glatte, feste, ebene Unterlage stellen.
Hinweis: Viele „extreme“ Gewichtsschwankungen beruhen auf Wiegefehlern (schräger Untergrund, unterschiedliche Waagen, fehlendes Tarieren). Ein stets gleiches Vorgehen ist daher essenziell.
Typische Wiegefehler vermeiden
– immer dieselbe Waage verwenden
– Waage auf fester, ebener Unterlage platzieren
– vor jeder Messung tarieren
– Tier ohne anhaftende Erde/Laub wiegen
Nur so sind Gewichtsverläufe zuverlässig interpretierbar.

5) Zwei Behälter für Laub und Substrat bereitstellen und eine Blumensprühflasche mit Wasser in Kühlschranktemperatur bereithalten.
6) Bei Starreboxen in höheren Fächern kann man einen Stuhl oder kleinen Tisch neben den Kühlschrank stellen, um die Boxen herausnehmen zu können, ohne Sensorkabel abstecken zu müssen. Jede Box wird einzeln entnommen und der Kühlschrank danach sofort wieder geschlossen, damit die übrigen Tiere auf Temperatur bleiben.
7) Die Starrebox entnehmen und das Laub in einen Wäschekorb geben. Die Schildkröte vorsichtig ausgraben. Das Substrat in einem separaten Behälter sammeln.
8) Die Schildkröte während der gesamten Kontrolle ruhig und langsam behandeln: keine hektischen Bewegungen, nicht auf den Rücken drehen.
9) Anschließend folgt eine zügige Rundum-Kontrolle:
– Panzer/Haut ohne Rötungen oder Flecken?
– Nase/Maul ohne Schleim, keine Atemgeräusche, kein offener Schnabel?
– Gliedmaßen ohne Schwellungen?
– Augen geschlossen und ohne Ausfluss oder Verkrustungen?
– eine leichte „Zeitlupen“-Reaktion?
– Tier sitzt reglos da, keine Unruhe?
– Geruch in Ordnung?
Gelegentlich kann es zum Absetzen von Kot kommen – das ist meist unbedenklich und kein Grund zur Sorge, solange alles normal aussieht. Im Zweifel kann man eine Kotprobe zur Untersuchung einreichen.
Das Absetzen von Urat wird wegen des möglichen Zusammenhangs mit Dehydrierung teils kritischer bewertet; im Zweifel sollte dies (insbesondere bei auffälligem Gewichtsverlauf) mit dem Reptilientierarzt besprochen werden.
Bei im Kot oder Urat sichtbaren Würmern werden gemeinsam gehaltene Tiere in der Regel direkt ausgewintert. Nach dem allmählichen Hochfahren und Beginn der Futteraufnahme kann dann in der Regel entwurmt werden. Nur bei massivem Befall sind Würmer mit bloßem Auge sichtbar.
Achtung: Die in der Starre befindliche Schildkröte nicht feucht abwischen.
10) Wiegen: Die Schildkröte wiegen und das Gewicht mit Datum in der Wiegeliste notieren.
Gewichtsverlauf:
In der Regel sollte das Gewicht eines gesunden, fest im richtigen Temperaturbereich von 4,5-7 °C starrenden Tieres, weitgehend konstant bleiben. Manche Tiere nehmen während der Kältestarre sogar einige Gramm zu. Ein Gewichtsverlust kann immer auch ein Hinweis auf zu trockene oder zu warme Überwinterung sein. Beide Parameter sollten bei Gewichtsverlust kritisch überprüft werden.
Hat ein Tier seit der Einwinterung mehr als 5 % Körpergewicht verloren, so sollte reptilientierärztlich abgeklärt werden, ob die Starre fortgesetzt werden darf. Highfield vom Tortoise Trust nennt darüber hinaus als Richtwert einen maximalen Gewichtsverlust maximal 1 % pro Starremonat, was erfahrungsgemäß als Orientierungshilfe zutreffender erscheint.
11) Substrat durchmischen und überprüfen:
Das Substrat zurück in die Box geben und in die Tiefe gut durchmischen, das reicht bei der ersten Kontrolle oft schon aus. Fühlt es sich weiterhin zu trocken an, seitlich leicht mit gekühltem Wasser befeuchten (1–2 Sprühstöße) und erneut durchmischen. Das Substrat darf nie nass sein, sondern sollte sich nur leicht feucht anfühlen. Bei zu hoher Feuchtigkeit oder Schimmel mit vorgekühltem Reservesubstrat auf Kühlschranktemperatur austauschen. Tropft es unten aus der Box, ist es bei weitem zu feucht → In diesem Fall ist der Substrat-Austausch durch vorgekühltes Reservesubstrat in jedem Fall unerlässlich, da eine zu feuchte Überwinterung zu gesundheitlichen Problemen führen kann.
12) Zurücksetzen:
Eine Kuhle formen und die Schildkröte möglichst in der ursprünglichen Lage und Richtung zurücksetzen. Hinterbeine und Rücken locker mit Erde bedecken, den erhöhten Kopfbereich weiträumig frei lassen. Danach das Laub wieder auffüllen, den Sitz der Sensoren prüfen, den Deckel fixieren und die Box zurück an ihren Platz schieben.
Dabei sollte man überprüfen, dass die Starrebox nirgends anstößt und das Kabel vom Not-Aus gut sitzt..
13) Laub:
Sind die Buchen-Blätter sehr trocken, können sie im Wäschekorb ein- bis zweimal mit Wasser in Kühlschranktemperatur leicht eingesprüht und kräftig durchgemischt werden. Danach kann man das Laub wieder auffüllen. Schimmelndes Laub sollte man durch gekühltes Reserve-Laub ersetzen, da Schimmel zu gesundheitlichen Problemen führen kann.
⚠️ Achtung: Verdunstungskälte
Wird Laub oder Substrat zu stark befeuchtet, kann es durch Verdunstungskälte zu einem gefährlichen Temperatursturz im Kühlschrank kommen. Daher nur sparsam und bei Bedarf befeuchten und nach dem Befeuchten sowie nach längerer Öffnung die Minimum-Temperaturen im Kühlschrank besonders aufmerksam kontrollieren. Sollte es zu einem Temperatursturz kommen, sollte man bei der nächsten Kontrolle deutlich sparsamer befeuchten.

14) Nach der Kontrolle sollte man den Kühlschrank erst nach zwei bis drei Tagen wieder lüften; die Tiere sollte man ansonsten komplett in Ruhe lassen.
Es folgt wieder alle 2 Tage ein kurzes Lüften von ungefähr 10 Sekunden Dauer, kleine und voll belegte Kühlschränke werden täglich gelüftet.

Vorgehen bei Auffälligkeiten während der Starre
15) Fallen bei einer Kontrolle kleinere Auffälligkeiten auf, dann sollte man:
– Fotos anfertigen (ohne Blitz)
– Die Schildkröte zunächst in der Starrebox zurück in den Kühlschrank setzen
– Zeitnah den Reptilientierarzt kontaktieren, ihm die Fotos zusenden und das Problem besprechen
– Erst danach über Fortsetzung oder Abbruch der Starre entscheiden
16) Notfälle:
Liegen Rötungen, weiche Stellen oder Flecken am Panzer vor oder Atemgeräusche, sitzt das Tier mit offenem Schnabel da, gibt es Ausfluss oder Ödeme, sind Tiere im Substrat eingefroren oder sitzen wache Tiere trotz korrekt überprüfter Starretemperaturen im Kühlschrank (in diesem Fall stets mit anderem Thermometer gegenmessen)? Gibt es keinerlei Reaktion des Tieres?
In diesen Fällen sollte man das Tier in der Starrebox mit Gitterdeckel direkt in einen kühlen Raum stellen (etwas wärmer als der Kühlschrank) und den reptilienkundigen Tierarzt kontaktieren.
Dabei sollte man sorgfältig abklären, auf welche Temperatur das Tier bis zur Konsultation aufgewärmt werden soll. Manche Reptilientierärzte bevorzugen es, solche Tiere selbst kontrolliert in der Praxis aufzuwärmen, andere möchten das Tier bereits leicht aufgewärmt bekommen.
Wichtig ist in jedem Fall langsames, schrittweises Aufwärmen unserer wechselwarmen Tiere über ein Umstellen der Box in zunehmend wärmere Räume. Es ist für das Wohlergehen der Schildkröte wichtig, keine „Hauruck“-Aktionen durchzuführen. Wärmelampen kommen zunächst nicht zum Einsatz und könnten zu einem Kreislaufkollaps führen.
Merke: Tiere die sich nicht selbst bewegen (können), legt man niemals unter oder auf Wärmequellen.
Wenn man sich unsicher ist, ob das Tier noch lebt, sollte man auch den Reptilientierarzt konsultieren. Im Artikel „Wie erkenne ich, ob meine Schildkröte verstorben ist? erfährt man mehr darüber.
In vielen Fällen befindet sich das Tier nur besonders tief in der Kältestarre, besonders bei grenzwertig niedrigen Starretemperaturen in Richtung 4 °C. Hier sollte die Starre-Temperatur zukünftig ein wenig wärmer auf 5-6 °C eingestellt werden. Lebende Tiere, die bei der Kontrolle keinerlei Reaktion zeigen, sollten ab circa 12 °C aufwärts allmählich leichte Reaktion und Bewegung zeigen.
Falls ein Tier tatsächlich verstorben sein sollte, kann man zum Wohle von vergesellschafteten Tieren eine Sektion (Obduktion) in Anbetracht ziehen, um die Ursache des Ablebens zu ermitteln. Hierfür muss der Tierkörper bis zum Versand gekühlt, aber nicht eingefroren werden. Mehr zum Thema erfährt man beispielsweise beim Labor Exomed.

Material-Check vor der Kontrolle
✔ Waage (glatte, ebene Unterlage)
✔ Zettel & Stift / Wiegeliste
✔ Handy (Kameramodus)
✔ Taschenlampe (Bauchpanzer von unten)
✔ Zwei Behälter für Laub und Substrat
✔ Blumensprüher mit Wasser in Kühlschranktemperatur
✔ Vorgekühltes Ersatzsubstrat und Ersatzlaub
✔ Frische Batterien in allen Messgeräten?

Im Taschendinos Handbuch Kühlschrank-Überwinterung werden alle Schritte der Kühlschrank-Überwinterung von A-Z ausführlich erläutert, einschließlich des Herunterfahrens der Temperaturen, der Einwinterung, der Routine während der Starre und der Auswinterung der Schildkröten in artgerechte Haltung.
