
Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp
3.)Onkel-Tom-Straße Zehlendorf
Die nächste Schildkröte befindet sich im Berliner Stadtteil Zehlendorf. Dieser Stadtteil mit vielen Villen gehört zu den wohlhabenderen und „grüneren“ Gebieten Berlins.
In der „Onkel-Tom-Straße“ wurden jedoch in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einige Mietwohnhäuser errichtet. Auch die „Arbeiter“ sollten das Privileg erhalten im Grünen zu wohnen.
An dem Haus mit der Nummer 19 ist unsere Schildkröte zu finden.

Einige Treppenstufen führen zu der Haustür und einem kleinen Fenster. Beide werden von einem Rundbogen aus Naturstein Quader eingerahmt. Manche dieser Quader weisen Steinmetzarbeiten auf – immer werden Tiere dargestellt.
In der Mitte über der Tür thront eine Eule und links daneben, ein paar Quader weiter, befindet sich unsere Schildkröte!
Alle Rechte an Text und Fotos: Elke Wallrapp 2014
Tierdarstellungen als Ausdruck des Naturbezugs der Gartenstadtbewegung
Als in den 1920er Jahren in Zehlendorf neue Wohnanlagen entstanden, verfolgten Architekten und Stadtplaner mehr als nur die Schaffung dringend benötigten Wohnraums. Das Leitbild der Gartenstadt sollte städtisches Leben mit der Nähe zur Natur verbinden – sichtbar in begrünten Höfen, kleinen Gärten und der Einbettung der Siedlungen in die waldreiche Umgebung. Dieser Gedanke spiegelte sich auch in architektonischen Details wider. Tierdarstellungen an Fassaden und Eingangsportalen verweisen symbolisch auf die natürliche Umwelt und schaffen eine Verbindung zwischen gebautem Raum und Landschaft. Solche Motive vermittelten den Bewohnern ein Gefühl von Geborgenheit und unterstrichen den Anspruch, Wohnen als harmonisches Zusammenspiel von Architektur und Natur zu gestalten.
Portalschmuck als bewusste Individualisierung standardisierter Wohnbauten
Die großen Wohnsiedlungen der Weimarer Republik entstanden unter hohem Zeit- und Kostendruck. Viele Gebäude wurden nach standardisierten Prinzipien errichtet, um möglichst schnell Wohnraum zu schaffen. Dennoch bemühten sich die Architekten, den einzelnen Häusern eine eigene Identität zu verleihen.
Besonders die Eingangsbereiche spielten dabei eine wichtige Rolle. Natursteinportale, Reliefs oder figürliche Details lockerten die Gleichförmigkeit der Fassaden auf und gaben den Häusern einen individuellen Charakter. Für die Bewohner bedeuteten diese gestalterischen Elemente mehr als bloße Verzierung, denn sie erleichterten die Identifikation mit dem eigenen Zuhause und stärkten das Gefühl einer gewachsenen Nachbarschaft.

Verbindung von Kunsthandwerk und sozialem Wohnungsbau
Der Reformwohnungsbau der 1920er Jahre verstand Architektur als gesellschaftliche Aufgabe, und auch in kostengünstigen Wohnanlagen sollte auf gestalterische Qualität nicht verzichtet werden. Deshalb arbeiteten Architekten häufig eng mit Kunsthandwerkern zusammen. Steinmetzarbeiten, keramische Elemente oder kunstvoll gestaltete Metallarbeiten wurden bewusst in die Gebäude integriert, und gerade diese Details verliehen den Wohnanlagen Wärme und Individualität.
Literatur
Brenne, Winfried; Pitz, Helge (1982):
Siedlung Onkel Tom Berlin-Zehlendorf. Einfamilienreihenhäuser 1929. Architekt Bruno Taut. Berlin: Gebr. Mann Verlag.
Hörner, Unda (2012):
Die Architekten Bruno und Max Taut. Zwei Brüder – zwei Lebenswege. Berlin: Gebr. Mann Verlag.
Huse, Norbert (Hrsg.) (1984):
Vier Berliner Siedlungen der Weimarer Republik: Britz, Onkel Toms Hütte, Siemensstadt, Weiße Stadt. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.
Howard, Ebenezer (1902/mehrere Neuauflagen):
Garden Cities of Tomorrow. London.
Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.):
Waldsiedlung Zehlendorf „Onkel-Toms-Hütte“. Denkmalpflegerischer Leitfaden für Mehrfamilienhäuser. Berlin.
Whyte, Iain Boyd (2013):
Bruno Taut and the Architecture of Activism. Cambridge: Cambridge University Press.