Posthibernale Anorexie

𝐏𝐨𝐬𝐭𝐡𝐢𝐛𝐞𝐫𝐧𝐚𝐥𝐞 𝐀𝐧𝐨𝐫𝐞𝐱𝐢𝐞 𝐛𝐞𝐢 𝐋𝐚𝐧𝐝𝐬𝐜𝐡𝐢𝐥𝐝𝐤𝐫ö𝐭𝐞𝐧

Beschreibung

Nach der Winterruhe benötigen Landschildkröten meist einige Tage, bis sie wieder fressen. Verweigert das Tier jedoch über Wochen hinweg die Nahrungsaufnahme, spricht man von posthibernaler Anorexie (PHA). Es handelt sich nicht um eine einzelne Erkrankung, sondern um einen Krankheitskomplex, der durch verschiedene Faktoren vor, während oder nach der Überwinterung ausgelöst werden kann.

Wortherkunft:
post (nach) – Hibernation (Winterstarre) – Anorexie (gestörte Nahrungsaufnahme)


Symptome

Die Beschwerden treten unmittelbar nach der Winterstarre auf und bleiben trotz steigender Temperaturen bestehen:

  • Anhaltende Futterverweigerung
  • Bewegungsunlust, Lethargie
  • Keine Wasseraufnahme (Adipsie)
  • Geringe bis fehlende Harnabgabe
  • Häufiges erneutes Eingraben
  • Eingefallene Augen, faltige Haut (Dehydratation)
  • Rötungen am Bauchpanzer (Hinweis auf Sepsis)
Bei posthibernaler Anorexie kann nur der Reptilientierarzt weiterhelfen, daher sollte man ihn schnellstmöglich aufsuchen.

Ursachen

In der Regel liegt ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren vor:

  • Zu warme Überwinterung (> 8 °C)
  • Zu trockene Überwinterung (Dehydratation)
  • Zu lange Überwinterungsdauer
  • Unterernährung vor der Winterruhe
  • Vorerkrankungen oder geschwächtes Immunsystem
  • Falsche Haltungsbedingungen während der Aktivphase
  • Unzureichende Flüssigkeitsaufnahme vor oder während der Winterruhe

Während der Winterstarre reichern sich harnpflichtige Stoffe im Blut an, da keine aktive Ausscheidung erfolgt. Gleichzeitig verliert das Tier über Haut und Atmung Flüssigkeit. Kommt es zu ungünstigen Bedingungen, entstehen Stoffwechselstörungen, Dehydratation und eine erhöhte Infektanfälligkeit.


Diagnose

Ein reptilienkundiger Tierarzt sollte bei Verdacht ein Blutbild und ein Organscreening durchführen. Typisch sind:

  • Erhöhte Harnsäure-/Uratwerte (Hinweis auf Dehydratation/Nierenbelastung)
  • Erhöhte Leberwerte

Therapie

Eine frühzeitige und intensive Behandlung ist entscheidend.

Grundprinzipien:

  • Flüssigkeitssubstitution (z. B. Ringer- oder isotonische Kochsalzlösung)
  • Lauwarme Bäder zur Rehydratation
  • Gegebenenfalls Zwangsfütterung per Magensonde
  • Glukosegabe zur Stabilisierung des Blutzuckers
  • Vitaminergänzung (v. a. A, D, E, B-Komplex)
  • Behandlung begleitender Infektionen

Unterstützend sind erhöhte Wärme (ca. 25 °C Umgebung, 38 °C Sonnenplatz) sowie intensive Licht– und UV-Bestrahlung wichtig.
Schwere Fälle gehören unbedingt in tierärztliche Behandlung.

Rekonvaleszente Schildkröten benötigen mehr Wärme als gesunde Tiere.

Komplikationen

Unbehandelt kann PHA zu schweren Organschäden führen:

  • Nierenschäden bis Urämie
  • Leberfunktionsstörungen
  • Hypoglykämischer Schock
  • Parasitenvermehrung
  • Septische Infektionen

Prognose

Bei frühzeitiger Diagnose und moderaten Blutwertveränderungen ist die Prognose gut. Stark erhöhte Organwerte verschlechtern die Heilungsaussichten deutlich.


Prophylaxe

Die wichtigste Maßnahme ist eine optimale Haltung und sorgfältige Vorbereitung auf die Winterruhe:

  • Nur gesunde Tiere einwintern
  • Rechtzeitige reptilientierärztliche Untersuchung (Spätsommer)
  • Konstante Überwinterungstemperatur je nach Art von 4–6 °C
  • Substrat ausreichend feucht halten
  • Winterstarre nicht länger als ca. 3 bis maximal 4 Monate
  • Gewichtsverlust kontrollieren (bis 1% pro Starremonat unbedenklich)
  • Frühbeet mit Technik zur optimalen Vorbereitung auf die Starre nutzen

Fazit

Die posthibernale Anorexie ist ein häufiges Problem in der tierärztlichen Praxis. Sie entsteht meist durch eine Kombination aus Stoffwechselbelastung, Dehydratation und geschwächtem Immunsystem. Mit sorgfältiger Überwinterung, artgerechter Haltung und schneller tierärztlicher Intervention lassen sich viele Fälle erfolgreich behandeln – und im Idealfall ganz vermeiden.


Literatur

Christen, C.
Die posthibernale Anorexie – ein häufig gesehenes Problem in der Tierarztpraxis. SIGS.ch, 2025,
Universität Zürich, Zoo-, Heim- und Wildtierabteilung, Winterthurerstrasse 260, CH-8057 Zürich.

Mader, D. R. (Hrsg.). (2006).
Reptile Medicine and Surgery (2nd ed.). Ames, Iowa: Blackwell Publishing.

McArthur, S., Wilkinson, R., Meyer, J., Innis, C., & Hernandez-Divers, S. (2004).
Medicine and Surgery of Tortoises and Turtles. Oxford, UK / Ames, Iowa: Blackwell Publishing.

Wilkinson, R., & Hernandez-Divers, S. (Hrsg.). (2015).
BSAVA Manual of Reptiles (2nd ed.). Gloucester: British Small Animal Veterinary Association.