Europäische Landschildkröten sind von Natur aus Einzelgänger, und umkämpfen aggressiv und erbittert Revier, Futter und Rangordnung. Es gibt einige Strategien, um dieses Problem zu entschärfen.
Aggressives Verhalten im Tierreich
Zunächst einmal sollte man sich bewusst sein, dass Aggression in der Biologie nichts Ungewöhnliches ist. Aggressives Verhalten ist im Tierreich weit verbreitet und erfüllt unterschiedliche Funktionen. Verhaltensbiologen sehen darin vor allem eine Strategie zur Durchsetzung im Wettbewerb um Ressourcen und Nahrung – sowohl zwischen verschiedenen Arten (interspezifische Konkurrenz) als auch innerhalb derselben Art (intraspezifische Konkurrenz). Weitere Auslöser sind die Verteidigung von Revieren, die Etablierung oder Veränderung von Rangordnungen sowie die Konkurrenz um Fortpflanzungspartner.
In der Ethologie wird aggressives Verhalten häufig unter dem Begriff „agonistisches Verhalten“ zusammengefasst, der sowohl Angriffs- als auch Drohverhalten einschließt. Solches Verhalten wird oft durch sogenannte „Schlüsselreize“ ausgelöst. Sowohl Tiere als auch Menschen verfügen über instinktiv angelegte Mechanismen zur Hemmung aggressiver Impulse – die sogenannte Aggressionshemmung.
Aggressionshemmung in Notgemeinschaften
Bei Schildkröten ist diese Agressionshemmung oft in Notgemeinschaften zu beobachten. Werden mehrere Tiere auf engstem Raum über längere Zeit untergebracht, arrangieren sie sich durch apathisches Verhalten mit der Situation. Als Beispiel könnte man Schildkröten anführen, die gemeinsam in einem kleinen Terrarium gehalten werden, oder beispielsweise auf kleinstem Raum im Außenbereich. Bekannt sind Fälle, wo 2 Schildkröten jahrzehntelang auf weniger als einem Quadretmeter eingepfercht gehalten wurden.
Ende der Notgemeinschaft beendet Aggressionshemmung
Kommen die Schildkröten nach ihrem Martyrium dann aber in bessere Haltung, setzen die natürlichen Instinkte ein, und das neue Revier wird erbittert umkämpft. Ähnliches kann man ebenfalls bei bestehenden, harmonischen Gruppen mit geregelter Rangordnung beobachten, die in ein neues Gehege ziehen. Auch hier wird die Rangordnung der Vorherrschaft über das neue Revier oftmals erbittert neu ausgefochten.
Fazit: Schildkröten, die aus einer schlechten Vorhaltung übernommen werden, und ein neues Gehege beziehen, werden voraussichtlich ihre Rangordnung neu ausmachen, auch wenn sie sich vorher „gut vertragen“ haben. Auch, wenn die GRuppenkonstellation verändert wird, weil neue Tiere zur bestehenden Gruppe hinzukommen, ist mit einem Neuausfechten der Rangordnung zu rechnen.
Was tun?
Um die Situation möglichst zu entspannen, kann der Halter für ein maximal großes Gehege mit viel Struktur und Verstecken sorgen, um jedem Tier individuelle Rückzugsmöglichkeiten zu geben. Wichtig ist, dass die Tiere sich durch Sichtbarrieren komplett „aus den Augen“ gehen können. Das kann Revierkämpfe auf ein Minimum begrenzen. Wichtig ist, die neue Situation, zum Beispiel durch eine Überwachungskamera, gut zu beobachten.
Aggression bei Schildkröten
In der Natur sind Europäische Landschildkröten Einzelgänger, und die Männchen verteidigen erbittert ihr großes Territorium gegen Eindringlinge. Die im Habitat aufzufindenden, auf dem Rücken befindlichen Panzer männlicher Schildkröten, zeigen deutlich auf, wie massiv die Territorien verteidigt werden, und zwar auf Leben und Tod. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Landschildkröten keine „friedlichen“ Tiere.
Ein Problem, das daraus folgend bei der häufig praktizierten gemeinsamen Haltung mehrerer Schildkröten in Gefangenschaft auftreten kann, ist die Zurschaustellung von aggressivem Verhalten. Je beengter die Platzverhältnisse, desto massiver treten diese Probleme zu Tage.
Auch kann es zu Vergewaltigungen und Kloakenverletzungen durch männliche Schildkröten kommen.
Was kann man als Halter tun?
Erfahrungsgemäß sollte bei gemischtgeschlechtlicher Haltung mindestens doppelt soviel Platz vorhanden sein, als bei Einzelhaltung. Da man bei Einzelhaltung von mindestens 10 m2 pro Tier ausgehen sollte, ergibt sich für gemischtgeschlechtliche Haltung eine Empfehlung von ungefähr 20 m2 pro Tier. Natürlich kommt es auch auf die Struktur des Geheges an, und die Anzahl an Sichtbarrieren und Versteckmöglichkeiten. Generell ist zu beobachten, dass gemischtgeschlechtliche Haltung in noch wesentlich größeren Gehegen am Besten funktioniert. Hierzu gehört unbedingt auch das Angebot eines entsprechend großen Gewächshauses, und gelegentlich auch eines getrenntgeschlechtlichen artgerechten Ausweichquartiers, um auch in den Übergangszeiten den Stresslevel der Schildkröten möglichst niedrig zu halten.
Eskalation
Was meist subtil beginnt, entgleist in der Regel schnell. Oft steigern sich die Aggressionen in kürzester Zeit derart, dass sie in ständiges Rammen, Beißereien und Umdrehen des Rivalen auf den Rücken, gipfeln können. Nimmt dieses Verhalten überhand oder wird ein Tier verletzt, sollte der Aggressor direkt abgetrennt werden. Schildkröten können einander schwere Verletzungen zufügen, und erregte männliche Schildkröten verletzen sich selbst oft an Bauchpanzer und Geschlechtsteil. Verletzte Tiere sollten dem Reptilientierarzt vorgestellt werden, kleine Kratzer kann man selbst wundversorgen.
Nach einer Abkühlphase kann man eventuell probieren, die Tiere unter ständiger Kontrolle wieder zu vergesellschaften.
Männchen
Männliche Landschildkröten verteidigen erbittert ihr Revier, und dulden meist keine Widersacher in oder in der Nähe des Geheges.
In wenigen Ausnahmefällen gelingt es, reine Männchen Gruppen zu halten, aber nur in äußerst gut strukturierten, großen Gehegen, mit sehr vielen Versteckmöglichkeiten. Von Vorteil für einen Versuch dieser Art der Haltung ist, wenn die Männchen bereits seit ihrer Jugend zusammen aufgewachsen sind und möglichst niemals mit Weibchen in Kontakt gekommen sind. Mit einer Handvoll Männchen funktioniert dies in der Regel besser, als mit 2 oder 3. Dennoch gibt es auch hier keine Garantien, und die Möglichkeit der Abtrennung sollte stets gegeben sein. Bei der Haltung von Männchen-Gruppen kann es zu Vergewaltigungen und Kloakenverletzungen durch andere männliche Schildkröten kommen.
Mediterrane Duftkräuter können helfen, den Geruch der Kontrahenten etwas zu überdecken. Wichtig ist ein sehr großes, gut strukturiertes Gehege mit vielen Versteckmöglichkeiten.
Deeskalation und Abtrennung
Neben den oben bereits aufgeführten Maßnahmen, also ein sehr großes, gut strukturiertes Gehege mit vielen Versteckmöglichkeiten, sollte hier die Möglichkeit der Abtrennung stets gegeben sein.
Bei der Haltung von Männchen-Gruppen kann es zu Vergewaltigungen und Kloakenverletzungen durch andere männliche Schildkröten kommen, und es ist vorgekommen, dass Männchen ihre Kontrahenten getötet haben.
Mediterrane Duftkräuter können helfen, den Geruch der Kontrahenten etwas zu überdecken, wenn die separaten Gehege zu dicht beieinnander liegen. Falls möglich, sollten Männchen so weit wie möglich von anderen Schildkröten entfernt untergebracht werden.
Minimalinvasive Kastration als letzter Ausweg
Gibt es weder die Möglichkeit, die Situation zu deeskalieren, noch eine Möglichkeit der dauerhaften Trennung, so kann man über eine minimalinvasive Kastration der Männchen nachdenken. In der Schweiz wird diese Methode verhältnismäßig häufig angewandt. Viele Halter berichten im Nachfeld der OP von harmonischen Gruppen.

Foto: Landschildkröten Auffangstation Kitzingen
Weibchen
Auch in reinen Weibchen Gruppen findet man aggressives Verhalten, um die Rangordnung auszufechten und unterlegene Tiere zu dominieren. Steht die Eiablage bevor, sind diese Gruppen regelmäßig sehr unruhig.
Meist beruhigt sich die Lage nach der erfolgreichen Eiablage gemeinsam mit den sinkenden Hormonspiegeln. Falls nicht, müssen besonders aggressive Weibchen zumindest zeitweise, wenn nicht dauerhaft, abgetrennt werden. Ansonsten kann durch den Stress eine Legenot entstehen.
Gemischtgeschlechtliche Haltung
Auch können die Männchen den Weibchen gegenüber bei der Balz sehr rabiat vorgehen. Rammen und Beißen gehören in gewissem Rahmen zum Paarungsritual dazu, sollten aber nicht überhandnehmen. Verletzungen und Dauerstress des Weibchens sollten nicht zutage treten. Halter gemischtgeschlechtlicher Gruppen sollten täglich ihre Weibchen und Männchen kurz auf Paarungsverletzungen hin kontrollieren und die Gruppendynamik gut im Auge zu behalten. Es wäre sinnvoll, täglich kurz den Bauchpanzer und die Kloake der Tiere in Augenschein zu nehmen. Auch gibt es langfristig durch das Rammen der Männchen Verletzungen am hinteren Panzerrand der Weibchen, was langfristig oft zu Nekrosen führt. Das ständige Aufreiten des Männchens kann die Kloake des Weibchens schwer verletzen und letztendlich verstümmeln.
Männchen müssen häufig von ihren Weibchen abgetrennt leben, und dürfen sie -wenn überhaupt- nur sporadisch besuchen. Ein sehr großes, gut strukturiertes Gehege mit vielen Versteckmöglichkeiten kann dazu beitragen, dass eine gemischtgeschlechtliche Gruppe friedlich koexistieren kann, ist allerdings keine Garantie dafür. Es sollte stets eine Möglichkeit zur dauerhaften Abtrennung des Männchens geben. Dann sollte das Männchen Gehege räumlich so weit entfernt wie möglich angelegt werden, um das Männchen nicht durch den Geruch der Weibchen dauerhaft zu stressen.
Es gibt Arten, bei denen dauerhafte Vergesellschaftung besser zu funktionieren scheint, als bei anderen, zum Beispiel scheint Testudo marginata in vielen Fällen einfacher zu vergesellschaften zu sein in großen, gut strukturierten Gehegen, als beispielsweise Testudo graeca. In jedem Fall ist es hilfreich, wenn das Gehege so groß ist, dass die Tiere sich problemlos aus den Augen gehen können.

Fazit- lieber allein als gestresst
Schlussfolgernd kann man sagen, dass Männchen, und Schildkröten, die sehr lange alleingelebt haben, in der Regel nur schwierig zu vergesellschaften sind. Zudem gibt es sowohl bei Männchen, als auch bei Weibchen, Tiere, die vom Charakter her nicht für eine Vergesellschaftung geeignet erscheinen, aufgrund ihres Aggressionslevels. Nicht vergessen sollte man, dass Schildkröten von Natur aus territoriale Einzelgänger sind, und eine Zwangsvergesellschaftung ihrem natürlichen Wesen entgegengesetzt ist. Nicht ohne Grund können die Weibchen den Samen der Männchen viele Jahre speichern, um Eier zu befruchten. Hinzu kommt selbst bei großen Gehegen der – im Vergleich zu den Weiten des Habitats – sehr beschränkte Lebensraum.