Seit 2013 wird in Zürich, in der Klinik für Nager, Vögel und Reptilien der UZH die minimalinvasive (endoskopische) Kastration männlicher Schildkröten durchgeführt. Der Eingriff wurde dort inzwischen bei über 300 Tieren vorgenommen. Besonders häufig betrifft dies männliche mediterrane Landschildkröten.
Es gibt derzeit nur wenige Reptilientierärzte, die diesen Eingriff außerhalb von Tierärztlichen Hochschulen durchführen.
Warum kann eine Kastration sinnvoll sein?
In vielen Schildkrötenhaltungen sind Männchen deutlich in der Überzahl. Vor allem bei europäischen Landschildkröten zeigen männliche Tiere während der Fortpflanzungszeit häufig ein sehr aufdringliches, aggressives Verhalten. Typisch sind wiederholtes Beißen und Aufreiten, das sich nicht nur gegen Weibchen, sondern auch gegen andere Männchen richtet.
Dieses Verhalten führt zu dauerhaftem Stress innerhalb der Gruppe und nicht selten auch zu Verletzungen, die zum Teil schwerwiegende Folgen haben können.
Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass kastrierte Männchen etwa vier Wochen nach dem Eingriff deutlich ruhiger werden. Das aggressive und bedrängende Verhalten nimmt in der Regel stark ab und verschwindet in vielen Fällen vollständig. Langzeituntersuchungen zu den Auswirkungen der Kastration laufen derzeit und werden wissenschaftlich ausgewertet.
Achung, Samenspeicherung!
Zu beachten ist, dass weibliche Schildkröten Sperma über mehrere Jahre speichern können. Daher ist es möglich, dass auch nach der Kastration eines Männchens noch befruchtete Eier gelegt werden.
Zeitpunkt und Voraussetzungen für den Eingriff
Kastrationen werden in der Regel frühestens ab dem 1. Mai durchgeführt. Je nach Witterung kann der Eingriff auch etwas früher möglich sein. Voraussetzung ist jedoch, dass die Schildkröten den Winterschlaf vollständig beendet haben, aktiv sind, gesund wirken und zuverlässig fressen.
Die Operationssaison endet Mitte bis Ende August. Danach ist eine Kastration aufgrund der notwendigen Wundheilungszeit und des bevorstehenden Winterschlafs nicht mehr sinnvoll oder sicher durchführbar.
Für den Eingriff sollten die Tiere ein Mindestkörpergewicht von 350 g erreicht haben, damit eine endoskopische Kastration des männlichen Tieres durchgeführt werden kann.
Ablauf der Kastration
Vor der Operation wird die Schildkröte zwei Tage lang nicht gefüttert. Zur optimalen Vorbereitung der Narkose wird empfohlen, das Tier bereits am Vortag in die Klinik zu bringen. Die Operation findet am folgenden Tag unter Vollnarkose statt.
Für den Eingriff wird die Schildkröte seitlich gelagert. Beidseits, jeweils vor dem Hinterbein, wird ein etwa zwei Zentimeter langer Hautschnitt gesetzt. Mithilfe spezieller endoskopischer Instrumente werden die in der Körperhöhle liegenden Hoden entfernt.
Nach der Operation wacht die Schildkröte in der Klinik auf und kann in der Regel am nächsten Tag wieder nach Hause entlassen werden. Die Hautnähte werden nach vier bis sechs Wochen entfernt.