
Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp
6.) Der Märchenbrunnen in Berlin Friedrichshain
Im Osten von Berlin, im Stadtteil Friedrichshain und dort im gleichnamigen Volkspark befindet sich eine weitere sehenswerte Brunnenanlage.
Gemeint ist der Märchenbrunnen!
Er zählt zu den schönsten Brunnen Berlins, ist aber leider recht unbekannt. In den meisten Reiseführern wird er nur kurz erwähnt und ist dadurch kein touristischer Hauptanziehungspunkt.
Meiner Meinung nach zu Unrecht!
Eine bewegte Geschichte begleitet ihn und seine Gesamtdarstellung ist einzigartig.

Die Brunnenanlage ist 34 x 54 Meter groß und im Stil des Neobarock erbaut. Sie steht unter Denkmalschutz.
Vier flache Kaskaden bilden das Brunnenbecken und werden durch halbkreisförmige Arkaden abgeschlossen. Die Anlage ist mit wasserspeienden Fröschen, zahlreichen Märchenfiguren (wie z.B. Aschenputtel, Rotkäppchen etc.) und einigen Schildkröten als Randfiguren verziert.
Schauen wir uns die Schildkröten genauer an, können wir erkennen, dass sie stark vermenschlichte Gesichter haben.

Der Volkspark Friedrichshain wurde in den Jahren 1846–1848 angelegt.
Im Jahr 1893 erhielt der Architekt und Stadtbaurat Ludwig Hoffmann (1852-1932) den Auftrag eine Brunnenanlage für den Haupteingang des Parks zu entwerfen, damit dieser künstlerisch aufgewertet wird.
Mit den Verzierungen wurden die süddeutschen Künstler Ignatius Taschner (1871-1913), Georg Wrba (1872-1939) und Josef Rauch (1867-1921) betraut.
Sie schufen die Figuren, die Märchengestalten und die Tierdarstellungen – gewählt wurde eine volksnahe Thematik!

Die Anlage sollte fast eine Millionen Mark kosten, leider standen aber jährlich nur 80.000 Mark zur Verfügung, so dass die Brunnenanlage mit einigen Bauunterbrechungen erst am 15. Juni 1913 (anlässlich des 25. Thronjubiläums Kaiser Wilhelm II.) eröffnet wurde.
Im 2. Weltkrieg wurde die Brunnenanlage stark beschädigt, 1950/51 wurde sie in vereinfachter Form wieder aufgebaut. Die Märchenfiguren und die Köpfe der Schildkröten wurden durch detailärmere Kopien ersetzt.
Erst ab dem Jahr 2002 begann man mit der fachgerechten Restaurierung und Wiederherstellung der Brunnenanlage. Die 10 Märchenfiguren wurden nach historischen Vorlagen der Taschner Modelle reproduziert und die Schildkröten erhielten wieder ihr ursprüngliches Aussehen.
Seit dem Herbst 2007 ist die Brunnenanlage wieder in ihrer alten Schönheit zu besichtigen.

Viele alte Postkarten untermalen die wechselhafte Geschichte und die Veränderungen des Brunnens. Auf einer Postkarte von 1917 sind die vermenschlichten Köpfe der Schildkröten am Rand des Brunnens sehr gut zu erkennen. Eine spätere Darstellung (Postkarte von 1964) zeigt die „abgespeckte“ Brunnenanlage und die Schildkrötenfiguren mit ihren einfachen, jedoch lebensechteren Kopfdarstellungen.
Offizielle Postkarten aus der heutigen Zeit konnte ich leider nicht finden. Das lässt auch auf die Unbekanntheit der Brunnenanlage schließen.
Genießen Sie bei Ihrem nächsten Berlin Besuch die Ruhe des Volksparks und lassen Sie sich von den Bänken am Rand der Brunnenanlage vom Gesamtwerk verzaubern!
Alle Rechte an Text und Bildern: Elke Wallrapp

Weitere Hintergründe
Kunsthistorischer Kontext
Der Märchenbrunnen ist ein Beispiel für die Verbindung von Kunst, Bildung und Volksnähe um 1900. Märchenmotive galten als kulturelles Gemeingut und sollten alle sozialen Schichten ansprechen.
Die stark vermenschlichten Tierdarstellungen – wie bei den Schildkröten – sind bewusst stilisiert und folgen keiner naturgetreuen Darstellung, sondern einer erzählerischen, fast karikaturhaften Formsprache.

Städtebauliche Bedeutung
Der Volkspark Friedrichshain gehört zu den frühen Volksparks, die gezielt für die breite Bevölkerung geschaffen wurden.
Der Märchenbrunnen fungiert als repräsentativer Übergang vom städtischen Raum in die Parklandschaft und erfüllt damit eine bewusst inszenierte gestalterische Funktion.

Verlust und Rekonstruktion
Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage vereinfacht wieder aufgebaut. Viele Details, darunter auch die Schildkrötenköpfe, gingen verloren oder wurden stark reduziert ersetzt.
Die Restaurierung ab 2002 orientierte sich wieder an den historischen Vorlagen und stellt somit eine gezielte Rückführung zur ursprünglichen Gestaltung dar.
Die Schildkröten im Detail
Die Schildkröten zeigen eine interessante stilistische Entwicklung:
- 1913 stark vermenschlicht und expressiv
- Nachkriegszeit vereinfacht und realistischer
- heute wieder näher am ursprünglichen Ausdruck
Sie sind damit ein kleines, aber sehr anschauliches Beispiel für den Wandel ästhetischer Vorstellungen über mehrere Epochen hinweg.

Literatur und Quellen
Online-Quellen
- Landesdenkmalamt Berlin. Der Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain. Verfügbar unter https://www.berlin.de/landesdenkmalamt/aktivitaeten/artikel.1506986.php (Zugriff am 25. März 2026).
- Bildhauerei in Berlin. Märchenbrunnen Friedrichshain. Verfügbar unter https://bildhauerei-in-berlin.de/bildwerk/maerchenbrunnen-5109/ (Zugriff am 25. März 2026).
- Wikipedia. Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain. Verfügbar unter https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4rchenbrunnen_im_Volkspark_Friedrichshain (Zugriff am 25. März 2026).
- IRS Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung. Bildermappe Märchenbrunnen. Verfügbar unter https://stadt-raum-geschichte.de/archiv/fundstuecke-aus-dem-archiv/26-bildermappe-maerchenbrunnen (Zugriff am 25. März 2026).
Weitere Literatur
- Haspel, Jörg (Hrsg.). Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Berlin. Petersberg: Michael Imhof Verlag, 2003.
- Hoffmann-Axthelm, Dieter. Ludwig Hoffmann. Bauten für Berlin 1896–1924. Tübingen: Ernst Wasmuth Verlag, 1983.
- Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen Berlin (Hrsg.). Berlin und seine Bauten. Teil X: Parks und Gärten. Berlin: Ernst & Sohn, 1979.
- Wenzel, Uwe. Der Volkspark Friedrichshain. Geschichte und Entwicklung eines Berliner Volksparks. Berlin: be.bra wissenschaft verlag, 2007.