Das Selbstversorgergehege

Ein Selbstversorgergehege als Grundpfeiler artgerechter Fütterung Europäischer Landschildkröten

Grundprinzip und biologische Bedeutung

Ein Selbstversorgergehege bezeichnet ein naturnah gestaltetes Haltungssystem, in dem Europäische Landschildkröten einen Großteil ihrer Nahrung selbstständig aufnehmen. Dieses Konzept orientiert sich direkt an den natürlichen Habitatbedingungen der Tiere und verbindet Ernährung, Bewegung, Mikroklima und Vegetationsstruktur zu einem funktionellen Gesamtsystem (Highfield 1996; Köhler 2005).

In natürlichen Lebensräumen zeigen Landschildkröten ein selektives Fressverhalten und nehmen täglich kleine Mengen unterschiedlicher Pflanzenarten auf. Dieses Verhalten ist eng mit der Verfügbarkeit saisonaler Vegetation sowie mit der energetischen Anpassung herbivorer Reptilien verbunden (Bjorndal 1997; Lagarde et al. 2003).

Selbstversorgergehege ermöglichen die Nachbildung dieser natürlichen Nahrungssuche und tragen damit wesentlich zur artgerechten Haltung bei.


Selbstständige Nahrungsaufnahme und selektives Fressverhalten

Wildlebende Landschildkröten sind opportunistische Pflanzenfresser, die ein breites Spektrum an Wildkräutern, Blättern und Blüten nutzen. Sie nehmen meist nur kleine Mengen einzelner Pflanzen auf, wodurch eine ausgewogene Mischung verschiedener Nährstoffe und sekundärer Pflanzenstoffe erreicht wird (McArthur et al. 2004).

Ein vielfältig bepflanztes Gehege ermöglicht es den Tieren, selbst zu entscheiden, welche Pflanzen sie aufnehmen. Diese Form der Nahrungsselektion trägt zur Stabilisierung der Darmflora bei und reduziert das Risiko ernährungsbedingter Erkrankungen (Bjorndal 1997).


Bewegung als integraler Bestandteil der Verdauungsphysiologie

Die Verdauung herbivorer Landschildkröten ist eng mit körperlicher Aktivität verbunden. In freier Wildbahn legen die Tiere täglich mehrere hundert Meter bis mehrere Kilometer zurück, um Nahrung aufzunehmen (Lagarde et al. 2003).

Bewegung beeinflusst nachweislich:

  • Darmmotilität
  • Passagezeit der Nahrung
  • Zusammensetzung der Darmflora
  • Stoffwechselaktivität

Ein Selbstversorgergehege fördert dieses natürliche Bewegungsverhalten, da die Tiere ihre Nahrung aktiv suchen müssen. Dadurch können Verdauungsprozesse stabilisiert und Übergewicht sowie Fehlgärungen im Darm reduziert werden (McArthur et al. 2004). Außerdem wird die gesamte Muskulatur durch das arttypische Abreißen der Futterpflanzen gestärkt.


Vegetationsstruktur und saisonale Ernährungsdynamik

Mediterrane Lebensräume sind durch ausgeprägte jahreszeitliche Schwankungen in der Vegetation gekennzeichnet. Während im Frühjahr ein reichhaltiges Angebot an frischen Wildkräutern vorhanden ist, dominieren im Hochsommer strukturreiche und teilweise vertrocknete Pflanzenreste (Blondel & Aronson 1999).

Selbstversorgergehege ermöglichen eine natürliche Abbildung dieses Vegetationszyklus. Dadurch passt sich die Ernährung automatisch an saisonale Veränderungen an, was den physiologischen Anforderungen der Tiere entspricht.

Diese jahreszeitlichen Schwankungen gelten als wichtiger Bestandteil einer artgerechten Ernährung und können langfristig zur Stabilisierung des Stoffwechsels beitragen (Willemsen & Hailey 2002).


Pflanzenvielfalt als Grundlage der Ernährung

Eine vielfältige Vegetation stellt sicher, dass Landschildkröten ein breites Spektrum an Nährstoffen aufnehmen können. Unterschiedliche Pflanzenarten liefern variierende Mengen an Mineralstoffen, Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen, die sich gegenseitig ergänzen (Marschner 2012).

Darüber hinaus kann eine abwechslungsreiche Pflanzenauswahl das Risiko einseitiger Ernährung reduzieren und trägt zur natürlichen Regulation der Futteraufnahme bei (McArthur et al. 2004).


Bedeutung des Bodens für das Selbstversorgergehege

Der Bodengrund beeinflusst maßgeblich die Vegetationsentwicklung. Mediterrane Habitate sind typischerweise durch mineralische, kalkreiche und nährstoffarme Böden geprägt, die rohfaserreiche Pflanzen begünstigen (Ellenberg & Leuschner 2010; Blondel & Aronson 1999).

Die Anlage eines Geheges mit Kalkschotter kann daher die Entwicklung naturnaher Futterpflanzen fördern. Kalkreiche Böden führen häufig zu erhöhten Kalziumkonzentrationen in Pflanzen und verbessern das Kalzium-Phosphor-Verhältnis, das für die Knochen- und Panzerentwicklung von Landschildkröten essenziell ist (White & Broadley 2003; Divers & Stahl 2019).


Mikroklima und Thermoregulation

Neben der Vegetation beeinflusst die Gehegestruktur auch das Mikroklima. Mineralische Substrate erwärmen sich schneller als humusreiche Böden und schaffen wärmere, schnell abtrocknende Aufenthaltsbereiche, die für wechselwarme Tiere entscheidend sind (Willemsen & Hailey 2002).

Eine geeignete Kombination aus Sonnenplätzen, Schattenzonen und strukturierten Vegetationsbereichen ermöglicht den Tieren eine effektive Thermoregulation und unterstützt damit Verdauung und Stoffwechsel. In unseren Breiten wird die notwendige Thermoregulation stets unterstützt durch ein Frühbeet oder Gewächshaus mit Technik. Dort simuliert man mittels einer Heizung und einer UV-Lampe mediterrane Verhältnisse. Diese moderne Art der Haltung bezeichnet man als Warmhaltung, in Gegenüberstellung zur überholten Kalthaltung.


Ergänzende Fütterung im Selbstversorgergehege

Auch in naturnah gestalteten Gehegen kann eine ergänzende Fütterung erforderlich sein, beispielsweise während ausgeprägter Trockenperioden. Hierbei sollten im Hochsommer strukturreiche Trockenpflanzen wie Kräuterheu oder getrocknete Wildkräuter verwendet werden, die dem natürlichen Nahrungsspektrum entsprechen (Highfield 1996).

Wichtig ist jedoch, dass Ergänzungsfütterung die Selbstversorgung unterstützt und nicht ersetzt.


Vorteile des Selbstversorgergeheges

Naturnahe Gehege können mehrere positive Effekte haben:

  • Förderung arttypischen Verhaltens
  • Stabilisierung der Verdauung
  • Reduzierung von Fehlfütterungsrisiken
  • Verbesserung der körperlichen Kondition

Diese Faktoren tragen wesentlich zur langfristigen Gesundheit der Tiere bei (McArthur et al. 2004; Willemsen & Hailey 2002).


Häufige Fehler bei der Anlage von Selbstversorgergehegen

Probleme entstehen häufig durch:

  • Zu nährstoffreiche Gartenerde, die zu monströsem Futterpflanzen-Wachstum führt.
  • Monotone Wiesen- oder Rasenflächen ohne Kalkschotter und Struktur.
  • Verwendung ungeeigneter oder sogar giftiger Zierpflanzen.
  • Fehlende mediterrane Versteckpflanzen, die für Struktur und damit für Ruhe im Gehege sorgen, wie Rosmarin, Salbei, Weide und Lavendel.

Solche Gehege können zu einer unausgewogenen Ernährung führen und entsprechen nicht den natürlichen Habitatbedingungen der Tiere (Köhler 2005).


Zusammenfassung

Selbstversorgergehege stellen ein ganzheitliches Haltungskonzept dar, das Ernährung, Bewegung und Habitatstruktur miteinander verbindet. Durch eine vielfältige Vegetation, geeignete Bodensubstrate und naturnahe Gehegestrukturen können physiologische und verhaltensbiologische Bedürfnisse Europäischer Landschildkröten berücksichtigt werden. Dieses Haltungssystem trägt wesentlich zur langfristigen Gesundheit und Stabilität der Tiere bei.


Literatur

Bjorndal, K.A. (1997). Fermentation in reptiles and amphibians. In: Mackie, R.I. & White, B.A. (eds.), Gastrointestinal Microbiology. Springer.

Blondel, J. & Aronson, J. (1999). Biology and Wildlife of the Mediterranean Region. Oxford University Press.

Divers, S.J. & Stahl, S.J. (2019). Mader’s Reptile and Amphibian Medicine and Surgery. Elsevier.

Ellenberg, H. & Leuschner, C. (2010). Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. Ulmer.

Highfield, A.C. (1996). Practical Encyclopedia of Keeping and Breeding Tortoises. Carapace Press.

Köhler, G. (2005). Landschildkröten. Ulmer Verlag.

Lagarde, F. et al. (2003). Sexual size dimorphism in steppe tortoises. Canadian Journal of Zoology, 81, 119–130.

McArthur, S., Wilkinson, R. & Meyer, J. (2004). Medicine and Surgery of Tortoises and Turtles. Blackwell.

Marschner, P. (2012). Mineral Nutrition of Higher Plants. Academic Press.

White, P.J. & Broadley, M.R. (2003). Calcium in plants. Annals of Botany, 92, 487–511.

Willemsen, R.E. & Hailey, A. (2002). Body mass condition and management of captive tortoises. Herpetological Journal, 12, 115–121.