Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp

Der „Krötenbub“
Was wäre ein Berlinbesuch ohne die Besichtigung des Zoologischen Gartens, des ältesten Zoos Deutschlands?
Vielleicht haben Sie ihn dort schon mal gesehen, den „Schildkrötenjungen“, den deutschen „Mannekin Pis“ oder einfach den „Krötenbub“ – ein Junge, der auf einer großen Landschildkröte steht und uriniert. In den Händen hält er jeweils eine kleine, stilisierte Schildkröte, die Wasser speit.
Mir ist er das erste Mal auf einem alten Nachkriegsfoto von meinem französischen Schildkrötenfreund begegnet und natürlich wurde ich neugierig.

Wir finden ihn vor dem wunderschönen Antilopenhaus, welches an eine Kuppelmoschee (1871/72) erinnert .
Jung, fast neu wirkt der Bronzejunge auf seiner Schildkröte.
Aber der erste Eindruck täuscht!
Der „Krötenbub“ stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1927 und wurde von Georg Roch, einem deutschen Tierbildhauer (1881-1934) aus der Nähe von Berlin, geschaffen.
Schauen wir ihn uns näher an, erkennen wir viele interessante Details.
An seiner Brust, seiner Scham und an seinen Beinen können wir angedeutete Schuppen erkennen.
Am Gesäß hat er ein kleines Schwänzchen und sein Kopf ist mit einem Schildkrötenpanzer bedeckt.
Stellt er gar ebenfalls eine Schildkröte dar?
So genau werden wir es wohl nie erfahren!
Alle Rechte an Text und Fotos: Elke Wallrapp

Hintergrundinfos
Der „Krötenbub“, offiziell „Krötenbüblein“, ist eine Brunnenfigur im Zoologischen Garten Berlin und wird dem Tierbildhauer Georg Roch zugeschrieben. Die Plastik entstand in den 1920er Jahren, einer Zeit, in der Roch eng mit dem Zoo verbunden war und dort auch Tierkunstausstellungen organisierte.
Die Figur gehört zu einer kleinen Brunnenanlage mit einem Granitfindling, Wasserbecken und einem bronzenen Frosch. Humorvolle Brunnenfiguren dieser Art waren in Parks und zoologischen Gärten der Zeit sehr beliebt.
Die große Schildkröte unter dem Jungen ist überraschend realistisch gestaltet. Der gewölbte Panzer erinnert an mediterrane Landschildkröten der Gattung 𝘛𝘦𝘴𝘵𝘶𝘥𝘰, etwa an 𝘛𝘦𝘴𝘵𝘶𝘥𝘰 𝘩𝘦𝘳𝘮𝘢𝘯𝘯𝘪 oder 𝘛𝘦𝘴𝘵𝘶𝘥𝘰 𝘨𝘳𝘢𝘦𝘤𝘢. Da solche Arten bereits damals im Berliner Zoo gehalten wurden, liegt nahe, dass der Bildhauer lebende Tiere als Vorbild studierte.
Landschildkröten gehören als Teil der artenreichen Sammlung des 1844 gegründeten Zoo Berlin traditionell zum Tierbestand, insbesondere im zugehörigen Aquarium. Ein spezifisches Startdatum für die Haltung ist nicht explizit dokumentiert, jedoch ist von einer Haltung seit der frühen Phase des Zoos auszugehen.
Der heute gebräuchliche Name „Krötenbub“ geht auf den historischen Sprachgebrauch zurück, in dem Schildkröten häufig einfach als „Kröten“ bezeichnet wurden.
Heute wirkt der „Krötenbub“ überraschend jung. Das liegt vermutlich daran, dass viele Bereiche des Zoos im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurden und zahlreiche Kunstwerke restauriert oder später neu gegossen wurden. Trotz seines frischen Eindrucks gehört der kleine Brunnen also bereits seit fast einem Jahrhundert zur Geschichte des Berliner Zoos.

Humor gehörte ausdrücklich dazu
Im Zoologischer Garten Berlin waren humorvolle Tierplastiken durchaus gewollt. Zoologische Gärten sollten Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur wissenschaftliche Einrichtungen sein, sondern auch Orte der Unterhaltung für Besucher.
Der „Krötenbub“ ist ein besonders schönes Beispiel dafür. Der urinierende Junge, die wasserspeienden Schildkröten und der Frosch im Brunnenbecken ergeben eine bewusst schelmische Szene, die zum Schmunzeln anregen sollte.
Solche leicht verspielt gestalteten Tierfiguren finden sich auch an anderen Stellen im Zoo, etwa in dekorativen Tierplastiken an historischen Gebäuden oder in Figuren mit leicht vermenschlichten Tierabbildungen.
Der Bildhauer Georg Roch war zudem dafür bekannt, Tiere nicht nur naturgetreu, sondern oft auch mit Humor und Augenzwinkern darzustellen.
Quellen
Susanne Kähler: Krötenbüblein, Brunnenfigur im Zoologischen Garten Berlin, 1927.
Datenbank Bildhauerei in Berlin.
Krötenbüblein – Werkbeschreibung und Hintergrund
Heinz-Georg Klös: Die Arche Noah an der Spree. 150 Jahre Zoologischer Garten Berlin.
Berlin 1994, S. 383.
Sibylle Badstübner-Gröger: Dehio. Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler – Berlin.
München 2000, S. 452–454.
Sibylle Einholz: Tierplastiker und ihre Werke im Berliner Zoo.
(Publikation zur Tierplastik im Zoologischen Garten Berlin).
