Gigantothermie und Thermoregulation bei Meeresschildkröten

Faszinierende Anpassung der Ektothermie

Lederschildkröten sind dank eines einzigartigen Systems auch in der Lage, kalte Gewässer und die Tiefsee zu nutzen.

Meeresschildkröten gelten klassisch als wechselwarme Tiere. Doch insbesondere die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) stellt dieses einfache Bild infrage. Ihre Fähigkeit, auch kalte Gewässer zu nutzen, basiert auf einer außergewöhnlichen Form der Thermoregulation, die eine Sonderstellung unter den Reptilien einnimmt.

Ektothermie – mehr als „kaltblütig“

Ektotherme Tiere beziehen ihre Körperwärme überwiegend aus der Umgebung und können diese nicht aktiv durch Stoffwechselprozesse konstant halten. Dazu zählen Reptilien, Amphibien und Fische. Der häufig verwendete Begriff „kaltblütig“ ist dabei wissenschaftlich ungenau und irreführend.

Im Gegensatz dazu stehen endotherme Tiere wie Vögel und Säugetiere, die ihre Körpertemperatur unabhängig von der Umgebung konstant regulieren können.

Ein scheinbarer Widerspruch

Die Lederschildkröte vereint Eigenschaften beider Strategien. Obwohl sie ektotherm ist, kann sie ihre Körpertemperatur aktiv beeinflussen und stabil halten – selbst in kalten Ozeanregionen. Dieses Phänomen wird häufig als „thermoregulierende Ektothermie“ beschrieben.

Als Keystone Species regulieren Lederschildkröte ihr Ökosystem, indem sie den Quallenbestand stabilisieren und damit für Überlebenschancen für Fische sorgen.

Gigantothermie als Schlüsselmechanismus

Ein zentraler Faktor ist die sogenannte Gigantothermie. Große Körper besitzen ein geringes Verhältnis von Oberfläche zu Volumen, wodurch Wärme deutlich langsamer verloren geht.

Bei der Lederschildkröte führt dies dazu, dass ihre Körperkerntemperatur stabil bleibt, selbst wenn sie kalte Gewässer durchwandert. Dieses Prinzip wurde auch für große prähistorische Tiere diskutiert.

Physiologische Anpassungen

Neben der Körpergröße spielen weitere Faktoren eine entscheidende Rolle

  • Isolierende Fettschicht
    Eine Schicht aus braunem Fettgewebe reduziert den Wärmeverlust erheblich und kann über 90 % der Körperwärme speichern.
  • Durchblutungsregulation
    In kaltem Wasser wird Wärme im Körperkern gehalten, während in warmem Wasser gezielt Wärme über die Extremitäten abgegeben wird.
  • Aktive Bewegung
    Muskelaktivität trägt zusätzlich zur Wärmeproduktion bei

Diese Kombination ermöglicht es, die Körpertemperatur um etwa 18 °C über der Umgebung zu halten – ein außergewöhnlicher Wert für ein Reptil.

Vergleichbare Strategien im Meer

Auch andere marine Arten zeigen ähnliche Anpassungen

  • Thunfische besitzen Gegenstrom-Wärmeaustauschsysteme
  • Schwertfische erwärmen gezielt ihre Augenregion
  • Große Haie profitieren ebenfalls von geringem Wärmeverlust

Diese Beispiele zeigen, dass thermische Sonderstrategien im Meer mehrfach evolutionär entstanden sind.

Bedeutung für Ökologie und Schutz

Die Fähigkeit zur Thermoregulation ermöglicht es Lederschildkröten, ein außergewöhnlich großes Verbreitungsgebiet zu nutzen – von tropischen Brutgebieten bis in kalte, nährstoffreiche Gewässer.

Gleichzeitig stehen sie unter massivem Druck durch

  • Verlust von Niststränden
  • Plastikverschmutzung
  • Beifang in der Fischerei

Literatur

Das Verständnis ihrer Physiologie ist daher nicht nur biologisch interessant, sondern auch entscheidend für effektive Schutzmaßnahmen.

Bostrom, Brian L. and David R. Jones, ‘Exercise warms adult leatherback turtles’, Comparative Biochemistry and Physiology Part A: Molecular & Integrative Physiology, 147.2 (2007), 323–31.

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Davenport, J., J. Fraher, E. Fitzgerald, P. McLaughlin, T. Doyle, L. Harman, T. Cuffe and P. Dockery, ‘Ontogenetic changes in tracheal structure facilitate deep diving and cold-water foraging in adult leatherback turtles’, Journal of Experimental Biology, 212.21 (2009), 3440–47.

Goff, Gregory P. and Garry B. Stenson, ‘Brown adipose tissue in leatherback turtles: a thermogenic organ in an endothermic reptile?’, Copeia, 1988.4 (1988), 1071.

Penick, David N., James R. Spotila, Michael P. O’Connor, Anthony C. Steyermark, Robert H. George, Christopher J. Salice and Frank V. Paladino, ‘Thermal independence of muscle metabolism in the leatherback turtle Dermochelys coriacea’, Comparative Biochemistry and Physiology Part A: Molecular & Integrative Physiology, 120.3 (1998), 399–403.