Die Urzeit-Schildkröte am Zoo Berlin.

Kulturelle Schildkröten-Exkursion 9

Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp

Das 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢-Relief an der Gartenseite des Berliner Aquariums erinnert an eine ausgestorbene horntragende Schildkrötengruppe des südwestlichen Pazifikraums.

Erinnern Sie sich an den „Krötenbub“?
Wir begegneten ihm auf unserer Besichtigungstour durch den Zoologischen Garten in Berlin.
Genau dort können wir während unseres Rundgangs eine weitere Schildkrötendarstellung bewundern.
Sie ist komplett anders – nicht figürlich, ein wenig fantastisch, riesengroß und uralt.

An der Außenmauer des Aquariums (auf der Gartenseite) befindet sich die Darstellung einer „Meiolania“, einer ausgestorbenen Schildkrötengattung mit einem enormen Ausmaß.
Markant sind die hornartigen Fortsätze auf dem Kopf und der lange knöcherne Schwanz.

Bei diesem Wandbild handelt es sich um ein Zementstuck-Relief (5,40 m x 2,30 m groß).
Bereits bei der Eröffnung des Aquariums im Jahre 1913, konnte man diese Darstellung und auch andere Saurier und weitere Tiere als Fassadenschmuck bewundern.
Sie wurden von Prof. Heinrich Harder (deutscher Maler, 1858-1935) entworfen und sollten an die Vielfalt der Tiere und die ausgestorbenen Saurier erinnern.
Im zweiten Weltkrieg wurde das Aquarium leider zerstört, der Wiederaufbau erfolgte ohne die Fassadenbilder.
Erst nach 1978 wurden die verschiedenen Reliefs, anhand Originalzeichnungen und Fotografien, von dem Bildhauer und Künstler Jochen Ihle (Hans Joachim Ihle, 1919-1997) rekonstruiert und restauriert.

Alle Rechte an Text und Fotos: Elke Wallrapp 2014

Urzeit an der Aquariumsfassade. Die riesige 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢 mit hornartigem Kopf und knöchernem Schwanz gehört zu den eindrucksvollen Reliefs nach Entwürfen von Heinrich Harder.

Ein Ensemble urzeitlicher Tiere

Die Darstellung der 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢 gehört zu einer ganzen Reihe großer Reliefs mit prähistorischen Tierdarstellungen an der straßen- und zooseitigen Fassade des Berliner Aquariums. Insgesamt befinden sich dort sieben große Reliefs. An der straßenseitigen Fassade sind 𝘕𝘰𝘵𝘩𝘰𝘴𝘢𝘶𝘳𝘶𝘴, 𝘚𝘵𝘦𝘨𝘰𝘴𝘢𝘶𝘳𝘶𝘴, 𝘛𝘳𝘪𝘤𝘦𝘳𝘢𝘵𝘰𝘱𝘴 und 𝘊𝘭𝘢𝘰𝘴𝘢𝘶𝘳𝘶𝘴 zu sehen. An der zum Zoologischen Garten gelegenen Fassade befinden sich 𝘉𝘦𝘭𝘰𝘥𝘰𝘯, 𝘗𝘰𝘭𝘢𝘤𝘢𝘯𝘵𝘩𝘶𝘴 und 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢.

Heinrich Harder und die frühe Paläokunst

Heinrich Harder war nicht nur Maler, sondern einer der prägenden Künstler früher populärer Urzeitdarstellungen im deutschsprachigen Raum. Anfang des 20. Jahrhunderts schuf er unter anderem Illustrationen für die Sammelbildserien „Tiere der Urwelt“. 1913 war er auch an der Gestaltung prähistorischer Tierdarstellungen für das neue Aquarium im Berliner Zoo beteiligt.

Die Entwürfe für die Reliefs am Berliner Aquarium stammen von Heinrich Harder. Die ursprünglichen Bildhauerarbeiten wurden 1912/1913 im Atelier von Robert Schirmer unter Mitarbeit von Otto Markert ausgeführt. Die heutigen Reliefs gehen auf eine Rekonstruktion durch Hans-Joachim Ihle um 1983 zurück.

Zerstörung und Rekonstruktion

Die Geschichte der Fassadenbilder ist eng mit der Geschichte des Aquariums verbunden. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war das Aquarium zu großen Teilen zerstört. Die Reliefs waren zunächst offenbar noch erhalten, wurden jedoch vermutlich im Zusammenhang mit den Wiederaufbauarbeiten der 1950er-Jahre abgeschlagen. Erst im Zuge der Sanierungsarbeiten ab 1978 wurde die ursprüngliche bauplastische Fassadengestaltung wiederhergestellt.

Die sieben Reliefs wurden um 1983 durch den Bildhauer Hans-Joachim Ihle nach historischen Vorlagen direkt vor Ort neu aufgetragen. Als Material nennt „Bildhauerei in Berlin“ für die Rekonstruktion eine Kalk-Zement-Silbersand-Kiesmischung.

Die urzeitliche 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢

𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢 war eine große, ausgestorbene landlebende Schildkröte aus der Gruppe der Meiolaniiden. Besonders bekannt ist 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢 𝘱𝘭𝘢𝘵𝘺𝘤𝘦𝘱𝘴 von der Lord-Howe-Insel östlich von Australien. Auffällig waren der massive Schädel mit hornartigen Fortsätzen und der lange, knöchern gepanzerte Schwanz mit keulenartigem Ende.

Die Meiolaniiden gehörten zur ausgestorbenen Megafauna Australiens und des südwestlichen Pazifikraums. Auch aus Vanuatu und Fidschi sind große fossile Landschildkröten bekannt. Ihre genaue Zuordnung ist jedoch teilweise unsicher, da wichtige diagnostische Fossilteile wie Schädel- und Hornreste fehlen.

Was man heute über das Aussterben weiß

𝐖𝐚𝐬 𝐦𝐚𝐧 𝐡𝐞𝐮𝐭𝐞 ü𝐛𝐞𝐫 𝐝𝐚𝐬 𝐀𝐮𝐬𝐬𝐭𝐞𝐫𝐛𝐞𝐧 𝐰𝐞𝐢ß

Die jüngsten Nachweise großer fossiler Landschildkröten fallen in die frühe menschliche Besiedlungszeit des späten Holozäns. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass diese Tiere von Menschen genutzt und gejagt wurden.

Ihr Aussterben lässt sich jedoch nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Wahrscheinlich wirkten mehrere Faktoren zusammen, darunter menschliche Nutzung, der Verlust von Eiern und Jungtieren, eingeführte Tiere sowie Veränderungen empfindlicher Inselökosysteme. Besonders Inselarten mit langsamer Fortpflanzung reagieren auf solche Eingriffe sehr empfindlich.mit langsamer Fortpflanzung reagieren besonders empfindlich auf solche Eingriffe.

Meiolania war eine riesige, ausgestorbene Landschildkröte, die bis vor rund 2.000 Jahren in Australien und Ozeanien lebte.

𝐓𝐚𝐱𝐨𝐧𝐨𝐦𝐢𝐬𝐜𝐡𝐞 𝐑𝐚𝐧𝐝𝐧𝐨𝐭𝐢𝐳

In einzelnen Bildbeschreibungen wird darauf hingewiesen, dass das Berliner Relief historisch als 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢 bezeichnet wird, die Darstellung aber möglicherweise auf Material beruht, das heute eher mit 𝘕𝘪𝘰𝘭𝘢𝘮𝘪𝘢 in Verbindung gebracht wird.

Niolamia  war eine Schildkrötengattung in der Gruppe der ausgestorbenen Meiolaniidae aus Südamerika.

Zwischen Wissenschaft und Fantasie

Die 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢 am Berliner Aquarium zeigt sehr schön, wie sich Kunst, Zoologie, Paläontologie und populäre Wissensvermittlung um 1913 berührten. Die Reliefs sollten nicht nur schmücken, sondern auch an die Vielfalt vergangener Tierwelten erinnern. Genau darin liegt bis heute ihr besonderer Reiz: Sie sind zugleich Fassadenschmuck, Stadtgeschichte und ein Stück früher Paläokunst.

Zwischen Paläokunst und Berliner Zoogeschichte zeigt das 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢-Relief eine Schildkröte, die fantastisch wirkt und doch auf reale ausgestorbene Tiere verweist.

Quellen

BILDHAUEREI IN BERLIN (o. J.): Saurierreliefs. Online verfügbar unter: Bildhauerei in Berlin, Eintrag „Saurierreliefs“. https://bildhauerei-in-berlin.de/bildwerk/saurierreliefs-10844/
Abgerufen am 24.05.2026.

BRÄUER, A. / UNIVERSITÄT ROSTOCK (o. J.): Pleistocene Overkill. Heinrich Harder’s Illustrations, Wikipedia and the “Pleistocene Overkill”. Institut für Anglistik/Amerikanistik, Universität Rostock. Enthält Informationen zu Heinrich Harder, seinen „Tiere der Urwelt“-Illustrationen und seinen Arbeiten für das Berliner Aquarium. Online verfügbar unter: https://www.iaa.uni-rostock.de/en/forschung/laufende-forschungsprojekte/american-antiquities-prof-mackenthun/project/artifacts/tiere-der-urwelt-trilogy/pleistocene-overkill-1/. Abgerufen am 24.05.2026.

WHITE, A. W., WORTHY, T. H., HAWKINS, S., BEDFORD, S. & SPRIGGS, M. (2010): Megafaunal meiolaniid horned turtles survived until early human settlement in Vanuatu, Southwest Pacific. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 107(35): 15512–15516. Online verfügbar unter: https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1005780107. Alternativ über PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20713711/.

HAWKINS, S., WORTHY, T. H., BEDFORD, S., SPRIGGS, M., CLARK, G., IRWIN, G., BEST, S. & KIRCH, P. (2016): Ancient tortoise hunting in the southwest Pacific. Scientific Reports 6: 38317. Online verfügbar unter: https://www.nature.com/articles/srep38317.

WIKIMEDIA COMMONS (o. J.): BerlinAquarium (3).jpg. Bildbeschreibung zum Relief am Aquarium Berlin mit Hinweis auf 𝘕𝘪𝘰𝘭𝘢𝘮𝘪𝘢, formerly 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢. Online verfügbar unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BerlinAquarium_(3).jpg. Abgerufen am 24.05.2026.

Sterli, Juliana & de la Fuente, Marcelo. (2011). Re-Description and Evolutionary Remarks on the Patagonian Horned Turtle Niolamia argentina Ameghino, 1899 (Testudinata, Meiolaniidae). Journal of Vertebrate Paleontology. 31. 1210-1229.
researchgate.net/publication/233316850_Re-Description_and_Evolutionary_Remarks_on_the_Patagonian_Horned_Turtle_Niolamia_argentina_Ameghino_1899_Testudinata_Meiolaniidae

Fast wie ein Fabelwesen, aber wissenschaftlich belegt: 𝘔𝘦𝘪𝘰𝘭𝘢𝘯𝘪𝘢 war eine ausgestorbene landlebende Schildkröte mit hornartigem Schädel und knöchern gepanzertem Schwanz.