Die Geschichte vom kleinen Hans, der im Teich ertrank und wiederbelebt wurde
Ein Erfahrungsbericht von Sabine Voßkamp
Gemeinsam mit einer weiteren Schildkröte aus einer Auffangstation aufgenommen, wollten wir nicht wahrhaben, dass Schildkröten sich für Gartenteiche interessieren und hineinfallen könnten. Wir verließen uns auf den natürlichen Instinkt der Tiere. Zumal Gerd, 63 Jahre alt und ebenfalls von uns aufgenommen, in seinem früheren Zuhause bereits mit einem Teich gut zurechtkam und nie etwas passiert war.
Hans bleibt verschwunden
Eines Tages suchten wir Hans im Garten, doch er war nirgends auffindbar. Am nächsten Tag ging die Suche weiter. Als ich zufällig in den Gartenteich blickte, entdeckte ich seinen Panzer in etwa 30 Zentimetern Tiefe.
Gänsehaut und pures Grauen empfanden wir bei diesem Anblick. Wir konnten es nicht fassen.
18 Stunden im Wasser
Als wir ihn nach geschätzten 18 Stunden, die er dort verbracht hatte, aus dem Wasser holten, zeigte er kaum noch Lebenszeichen. Wir zögerten nicht und suchten direkt eine Reptilientierärztin in der Nähe auf.
Die Ärztin wollte zunächst abwarten, ob er weitere Lebenszeichen von sich gibt. Später teilte sie mir telefonisch ihre Einschätzung mit, dass Hans um sein Leben kämpfe und sie ihn zur weiteren Behandlung in ihrer Praxis behalten möchte.
Augen wie blind

Nachdem er am nächsten Tag abgeholt werden konnte, bot sich ein schauriges Bild. Seine Augen waren weiß und sahen blind aus. Wir bekamen antibiotische Augentropfen mit und behandelten ihn längere Zeit.
Er fraß mehr als eine Woche nicht, und die Augen wurden zunächst auch nicht viel besser. Wir entschieden, ihm noch einen Tag zu geben, um ihn dann einschläfern zu lassen.
Das Wunder

Dann geschah das Wunder. Der blinde Hans fing an zu fressen und sich zu bewegen. Die Freude war groß, denn nun hatten wir wieder Hoffnung.
Die Augen behandelte ich dann täglich mit Bepanthen Augen- und Nasensalbe. Man hatte das Gefühl, dass er sein Futter nicht wirklich finden und sehen konnte, denn er schnappte immer daneben. Wir waren unsicher, ob er zusätzlich kognitive Schäden davongetragen hatte. Doch alles wurde nach und nach besser.
Winterstarre als Bewährungsprobe
Wir hatten Sorge, ob er die Winterstarre übersteht. Er lebt in Freilandhaltung mit Frühbeet und Grube. Doch alles klappte gut, und pünktlich wachte er im Frühjahr wieder auf.

Wieder freuten wir uns, denn er schien über die Starre gesundet zu sein. Seine Augen waren nicht mehr weiß, aber sehr trocken. Auch hier half die Bepanthen Augensalbe wieder sehr.
Ein zweites Leben
Heute ist Hans ein sehr munteres und interessiertes Krötchen, das dieses Unglück überlebt hat.
Es ist ein Wunder, und man kann dieser Ärztin nur für ihr Engagement danken. Ohne Behandlung hätte er es nicht geschafft.
Sicherung von Gartenteichen zum Schutz von Schildkröten
Der Teich wurde sofort gesichert. Dies raten wir unbedingt allen Schildkrötenbesitzern.

Was hinter Hans‘ Geschichte steckt
— Erfahrung trifft Wissenschaft
Ein solcher Vorfall ist bei Landschildkröten ein akuter Notfall und kein Einzelfall.
In meiner langjährigen Erfahrung in der Haltungsberatung habe ich etliche Fälle von tragischen Todesfällen Europäischer Landschildkröten in ungesicherten Teichen miterlebt. Man kann nicht genug betonen, wie wichtig eine zuverlässige Absicherung von Teichen ist. Gelegentlich kam es auch zu tragischen Fällen von Tierquälerei, wo Landschildkröten bewusst in Teiche geworfen wurden, oder wo dies aus Unwissenheit geschah. In nur wenigen Einzelfällen wie diesem hier haben die Tiere dies überlebt.
Divers (1998) hält fest, dass Landschildkröten in ungesicherten Gartenteichen besonders häufig ertrinken und oft erst nach mehreren Stunden aus dem Teich geborgen werden.
Dass das kein sicheres Todesurteil sein muss, zeigt Colon (2020) an einem bemerkenswerten Fall:
eine 60-jährige, männliche Testudo hermanni, zwei Tage im Gartenteich vermisst, auf dem Teichboden gefunden — kalt, ohne Atmung, ohne Reaktion, Herzschlag noch 28 Schläge pro Minute. Nach Intubation, Sauerstoffbeatmung und gezielter Erwärmung auf die artspezifische Vorzugstemperatur setzte die Spontanatmung wieder ein; die Schildkröte erholte sich vollständig. Reptilien, so das ausdrückliche Fazit des Fallberichts, können auch längere Apnoephasen überleben.
Warum können Schildkröten das überleben?
Der Grund dafür liegt in der Physiologie: Schildkröten sind ektotherm — ihr Stoffwechsel beträgt nur etwa ein Siebtel dessen eines Säugetiers (Divers 1998). Der Sauerstoffbedarf ist entsprechend gering, und die Hypoxietoleranz, also die Fähigkeit des Körpers, einen Sauerstoffmangel ohne irreversible Schäden zu überstehen, ist deutlich höher als bei Warmblütern.
Das bedeutet aber nicht, dass nach der Bergung Entwarnung gilt. Eingeatmetes Wasser belastet Atemwege und Lunge auch dann noch schwer, wenn das Tier äußerlich stabil wirkt. Sekundäre Pneumonien sind nach Ertrinkungsunfällen keine Seltenheit, weshalb Divers (1998) die prophylaktische Gabe von Breitbandantibiotika ausdrücklich empfiehlt. Auf mögliche Folgeschäden hinweisen können erschwerte Atmung, Nasenausfluss, Atemgeräusche oder anhaltende Schwäche, wobei Schäden an Atemwegen, Augen, Kreislauf oder Nervensystem oft erst mit Verzögerung sichtbar werden.
Das tierärztliche Vorgehen unmittelbar nach der Bergung folgt einem klaren Schema: Tier kopfunter halten, Gliedmaßen pumpen, um Wasser aus den Lungenfeldern zu evakuieren, dann Beatmung mit Sauerstoff und Doxapram zur Atemstimulation, bis die Spontanatmung zurückkehrt, was Minuten oder Stunden dauern kann (Divers 1998). Brown (2022) ergänzt, dass die weitere Versorgung Wärmemanagement, Flüssigkeitstherapie und engmaschige Überwachung umfasst. All das gehört in reptilientierärztliche Hände und falsches Vorgehen kann zusätzlichen Schaden anrichten.
Solche Fälle sind jedoch leider die Ausnahme — die meisten Landschildkröten, die im Gartenteich versinken, werden tot aufgefunden. Dass Hans und der von Colon (2020) beschriebene T. hermanni überlebten, verdankt sich glücklichen Umständen und vor allem schnellem tierärztlichem Handeln.

Die weißlich veränderten, trocken wirkenden Augen und die tagelange Futterverweigerung, die Sabine bei Hans beschreibt, passen ins Bild einer schweren Beeinträchtigung nach einem solchen Ereignis. Eine genaue Diagnose lässt sich rückblickend nicht stellen — aber eines ist sicher: Auch wenn ein Tier wie durch ein Wunder wieder frisst und läuft, sollte es zur Kontrolle zum erfahrenen Reptilientierarzt.
Hier findet man die Tierarztliste der AGARK
Quellen
BROWN, S. (2022): Providing critical care to sick tortoises. In Practice: Continuing Education in Veterinary Practice 44(4): 214–227. Verfügbar unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/inpr.199 [Zugriff: 27.05.2026].
BRITISH CHELONIA GROUP (o. J.): Care Sheets and Chelonian Knowledge Hub. Verfügbar unter: https://www.britishcheloniagroup.org.uk/caresheets/index [Zugriff: 27.05.2026].
COLON, V. (2020): Critical care of tortoise found in pond. Vet Times 50(26). Verfügbar unter: https://www.vettimes.com/clinical/exotics/critical-care-of-tortoise-found-in-pond-cpdreptiles [Zugriff: 27.05.2026].
DIVERS, S. J. (1998): Emergency care of the critically ill tortoise. Testudo 4(5). Verfügbar unter: https://www.britishcheloniagroup.org.uk/testudo/v4/v4n5care [Zugriff: 27.05.2026].
MERCK VETERINARY MANUAL (2025): Disorders and Diseases of Reptiles. Verfügbar unter: https://www.merckvetmanual.com/all-other-pets/reptiles/disorders-and-diseases-of-reptiles [Zugriff: 27.05.2026].

Falls jemand ähnliche Erfahrungen teilen möchte, würde ich mich über Kontaktaufnahme freuen:
