
Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp
11.) Die Schildkröten am Spitteleck, Berlin-Mitte
Wir sind jetzt schon einige Zeit in Berlin unterwegs und haben die unterschiedlichsten Schildkrötendarstellungen gesehen. Manche sind stilisiert und andere dagegen sehr lebensecht dargestellt. Wir entdeckten Land-, Meeres- und auch Sumpfschildkröten. Sie verzieren u.a. Brunnen und Häuserfassaden. Ihre Erscheinung ist plastisch, reliefartig oder auch skulptural. Die Vielfalt der Natur spiegelt sich auch in diesen Darstellungen wieder!
Warum sollte eine Schildkröte nicht auch im Berliner Plattenbau ihren Platz gefunden haben?
In Berlin Mitte, im Winkel der Seydelstraße und der Wallstraße, unweit des Spreekanals befindet sich das Wohngebäude „Spitteleck“. Es wurde in der Zeit von 1980 bis 1985 von dem „BMK Ingenieurhochbau Berlin“ unter der Leitung des Architekten Eckart Schmidt (*1936) errichtet. Gebaut wurde es aus Betonfertigteilen, dem sogenannten Plattenbau.
Neben 295 Wohnungen enthielt diese Wohnanlage auch eine Kinderkrippe, deren Außenfassade mit verschiedenen Tier-, Blumen- und Kinderdarstellungen reliefartig verziert ist. Der Künstler ist leider unbekannt, seine Darstellungen erinnern an einfachere Kinderzeichnungen – passend zu ihrer Bestimmung.
Inmitten dieser Wandreliefs befindet sich unsere nächste Schildkröte. In einer seitlichen Ansicht wird sie zusammen mit dem hinteren Panzerteil einer Zweiten gezeigt.
Alle Rechte an Text und Fotos: Elke Wallrapp

Einordnung
Das Spitteleck steht am Spittelmarkt, dem östlichen Ende der Leipziger Straße am Ufer des Spreekanals. Der Name des Platzes reicht weit zurück: Anfang des 15. Jahrhunderts errichtete das St.-Gertrauden-Stift hier – damals noch außerhalb der Mauern von Cölln – ein Hospital samt Kapelle. Aus „Hospital“ wurde im Sprachgebrauch „Spital“ und schließlich „Spittel“; den Namen Spittelmarkt trägt der Ort seit etwa 1750. Benannt ist er nach der heiligen Gertrud, die unter anderem als Schutzpatronin der Gärtner gilt – ein hübscher Zufall an einem Ort, der heute Schildkröte und Blume im Beton vereint.
Ein Wendepunkt im DDR-Städtebau
Das Spitteleck gilt als bezeichnend für den Wandel des Städtebaus in der DDR. Anders als die streng gerasterten Wohnzeilen der 1960er- und 1970er-Jahre – etwa der benachbarte Komplex an der Leipziger Straße – nimmt der Bau bewusst Rücksicht auf den historischen Straßenverlauf und die Traufhöhe der Nachbarhäuser an der Wallstraße. Seine Kubatur folgt dem alten Straßenwinkel, sodass sich zur Straßenseite ausladende Balkone öffnen, während sich im Inneren ein enger Hinterhof bildet. Für diese Qualitäten wurde das Spitteleck 1986 mit dem Architekturpreis der Hauptstadt Berlin ausgezeichnet. Entworfen wurde es von einem Kollektiv des BMK Ingenieurhochbau Berlin unter Leitung von Eckart Schmidt, zu dem auch Klaus Berger, Eduard Vogler und Ulrich Kunc gehörten. Nach der Wiedervereinigung kam die weithin sichtbare Coca-Cola-Leuchtreklame auf das Dach.
Kunst am Bau: Schmuck für die Kinderkrippe
Die eingetieften Bilder an der Fassade sind ein Beispiel für die „Kunst am Bau“ – ein Schmuck, der den nüchternen Beton auflockern und den kindgerechten Charakter der einstigen Kinderkrippe sichtbar machen sollte. Neben unserer Schildkröte finden sich Blüten, ein Schmetterling und weitere Tier- und Kindermotive. Die Krippe bestand bis zur Sanierung des Gebäudes im Jahr 2014; die Reliefs blieben erhalten und erzählen bis heute von der ursprünglichen Bestimmung dieses Gebäudeteils.
Die Schildkröte im Detail
Zoologisch verrät schon die Silhouette, dass hier eine Landschildkröte dargestellt ist: Der hoch gewölbte Panzer und die kräftigen, säulenförmigen Beine sprechen für eine Bewohnerin des Trockenen – ganz anders als die flach gebauten Meeresschildkröten mit ihren Flossen oder die niedrigeren Sumpfschildkröten. Selbst in der stark vereinfachten Darstellung lässt sich die Grundordnung des Panzers erahnen: eine mittlere Reihe aus Wirbelschilden, flankiert von den seitlichen Rippenschilden und umrahmt von den kleinen Randschilden. Der zweiten Schildkröte, von der nur das hintere Panzerteil zu sehen ist, verdanken wir den Eindruck, dass gleich zwei Tiere unterwegs sind – wie eine kleine Karawane über den Sockel der Wand.

Die Schildkröte als kindgerechtes Motiv
Warum ausgerechnet eine Schildkröte an einer Kinderkrippe? Auch wenn der Künstler unbekannt bleibt, passt das Tier hervorragend an einen Ort für die Kleinsten. Die Schildkröte trägt eine lange Symboltradition und gilt seit jeher als Sinnbild für Beständigkeit, Geduld und ein langes Leben – dazu wirkt sie mit ihrem runden Panzer und dem bedächtigen Gang freundlich und ungefährlich. Ein Motiv, das Kinder anspricht und zugleich etwas Behütendes ausstrahlt: Ihr schützendes Haus trägt die Schildkröte schließlich immer bei sich.
Quellen
- Wikipedia: Spitteleck. de.wikipedia.org/wiki/Spitteleck (zugegriffen am 11. Juli 2026).
- Wikipedia: Spittelmarkt. de.wikipedia.org/wiki/Spittelmarkt (zugegriffen am 11. Juli 2026).
- Wikipedia: Gertraudenhospital (Berlin). de.wikipedia.org/wiki/Gertraudenhospital_(Berlin) (zugegriffen am 11. Juli 2026).
- Berlinische Galerie: Spitteleck (revisited). berlinischegalerie.de/revisited/spitteleck (zugegriffen am 11. Juli 2026).
- SOSBRUTALISM: Residential Complex Spitteleck. sosbrutalism.org/cms/18861789 (zugegriffen am 11. Juli 2026).
← 10. Exkursion · Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp

