
Ein naturnah bepflanztes Schildkrötengehege kann weit mehr sein als eine reine Futterfläche. Zwischen Wildkräutern, blühenden Versteckpflanzen, offenen Bodenstellen und ruhigen Randbereichen entsteht ein kleiner Lebensraum, von dem nicht nur die Schildkröten profitieren. Auch Hummeln, Wildbienen, Schmetterlinge und viele weitere Insekten finden dort Nahrung, Schutz und geeignete Rückzugsorte.

Gerade darin liegt der besondere Reiz eines gut geplanten Geheges. Viele Pflanzen erfüllen mehrere Aufgaben gleichzeitig. Sie dienen als Futter, spenden Schatten, schaffen Deckung und bieten mit ihren Blüten Nektar und Pollen. Aus einer zunächst funktionalen Tierfläche kann so Schritt für Schritt ein lebendiger Teil des Gartens werden.
Dabei bleibt eine wichtige Regel bestehen:
Nicht jede insektenfreundliche Pflanze ist automatisch als Futterpflanze für Landschildkröten geeignet.

Warum Vielfalt so wichtig ist
Hummeln, Wildbienen und Schmetterlinge sind auf ein möglichst vielfältiges Pflanzenangebot angewiesen. Hummeln fliegen oft schon bei niedrigen Temperaturen und sind deshalb bereits früh im Jahr unterwegs. Viele Wildbienenarten leben nicht in Staaten, sondern versorgen ihre Nester allein. Manche sammeln Pollen sogar nur an bestimmten Pflanzenfamilien. Schmetterlinge wiederum brauchen nicht nur Nektar für die erwachsenen Tiere, sondern auch geeignete Pflanzen für ihre Raupen.

Ein Garten mit wenigen stark blühenden Zierpflanzen kann deshalb schön aussehen und trotzdem nur einen begrenzten ökologischen Wert haben. Entscheidend ist nicht die Blütenmenge an einem einzelnen Wochenende, sondern ein möglichst langes Angebot vom Frühjahr bis in den Herbst.
Im Schildkrötengarten lässt sich das gut mit geeigneten Wild- und Futterpflanzen verbinden. Früh blühende Arten wie Gänseblümchen, Löwenzahn und Taubnesseln eröffnen die Saison. Im Sommer übernehmen unter anderem Malven, Kleearten, Wegwarte, Flockenblumen, Skabiosen, Wiesensalbei, Dost und Thymian. Einige davon werden gefressen, andere bleiben länger stehen und schaffen dadurch wertvolle Deckung.

Futterpflanze, Versteckpflanze oder reine Insektenpflanze?
Für die Gehegeplanung ist es hilfreich, Pflanzen nicht nur nach ihrem Aussehen, sondern nach ihrer Funktion zu betrachten.
Einige Arten sind wertvolle Futterpflanzen und zugleich interessant für Insekten. Dazu gehören beispielsweise Malven, Wegwarte, Nachtkerzen, Witwenblumen, Weide und Taubnesseln. Sie verbinden die Ernährung der Schildkröten mit einem zusätzlichen Nutzen für Hummeln, Wildbienen und Schmetterlinge.
Andere Pflanzen stehen weniger als Futter, sondern vor allem als Versteckpflanzen im Mittelpunkt. Lavendel, Wildrosen, Rosmarin oder Salbei können Schatten, Sichtschutz und Rückzugsmöglichkeiten bieten. Gleichzeitig werden ihre Blüten häufig von Insekten besucht.
Daneben gibt es Pflanzen, die für Insekten zwar wertvoll sind, aber nicht als Schildkrötenfutter geeignet sind. Gundermann gilt in der Schildkrötenfütterung als umstritten. Lungenkraut wird wegen fehlender gesicherter Futtereignung nicht empfohlen, und Natternkopf kann Pyrrolizidinalkaloide enthalten. Solche Arten können außerhalb einen Platz finden, sollten aber nicht ins Gehege gesetzt werden.
Ökologischer Wert und Futtereignung sind zwei verschiedene Dinge.

Versteckpflanzen schaffen mehr als Schatten
Versteckpflanzen sind für Landschildkröten besonders wertvoll. Sie schaffen Rückzugsorte, unterbrechen Sichtachsen und sorgen für unterschiedliche Temperaturbereiche. An heißen Tagen können die Tiere zwischen offenen Sonnenplätzen und kühleren, dichter bewachsenen Zonen wählen.
Gleichzeitig verändern diese Pflanzen das Gehege auch für andere Tiere. Blüten bieten Nahrung, trockene Stängel und Dolden können Überwinterungsplätze schaffen und dichter Bewuchs schützt kleine Lebewesen vor Wind und starker Sonneneinstrahlung.
Wichtig ist, dass solche Bereiche trotz ihrer Natürlichkeit sicher bleiben. Enge Sackgassen, instabile Trockenmauern oder tiefe Hohlräume können für Schildkröten problematisch werden. Naturnah bedeutet deshalb nicht, das Gehege einfach sich selbst zu überlassen. Gute Planung und regelmäßige Kontrolle, vor allem der Standsicherheit von Aufbauten und Einfriedungen, bleiben notwendig.

Wilde Ecken dürfen bleiben
Nicht jeder Bereich rund um das Gehege muss ordentlich aussehen. Etwas Altgras, trockene Pflanzenstängel, kleine Laubhaufen oder offene Bodenstellen können für viele Tiere wertvoll sein.
Wildbienen nisten häufig im Boden und benötigen dafür sonnenbeschienene, wenig bewachsene Flächen. Andere Arten nutzen hohle oder markhaltige Pflanzenstängel. Schmetterlinge wiederum profitieren von heimischen Wildpflanzen, die nicht nur Nektar liefern, sondern auch ihren Raupen als Nahrung dienen, wie der Brennnessel.
Solche Bereiche müssen nicht mitten im Schildkrötengehege liegen. Oft reicht bereits ein ruhiger Randstreifen außerhalb der Einfriedung. So lassen sich Biodiversität und sichere Schildkrötenhaltung gut miteinander verbinden.

Wasser und Pflanzenschutz mitdenken
Auch Insekten benötigen Wasser. Eine flache Schale mit Steinen, Moos oder kleinen Ästen bietet sichere Landeplätze. Für die Schildkröten sollte unabhängig davon eine eigene, gut zugängliche Wasserschale bereitstehen.

Ebenso wichtig ist der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel. In und um ein Selbstversorgergehege haben Insektizide, Herbizide und Schneckenkorn nichts verloren.
Auch gekaufte Zierpflanzen sollten nicht sofort in eine erreichbare Futterfläche gesetzt werden, wenn ihre vorherige Behandlung unbekannt ist.
Was Hummeln, Wildbienen und Schmetterlinge schützt, schützt häufig auch die Schildkröten.

Ein kleiner Lebensraum mit vielen Funktionen
Ein gut bepflanztes Schildkrötengehege bietet weit mehr als Futter. Es schafft Schatten, Rückzugsmöglichkeiten, unterschiedliche Mikroklimata und abwechslungsreiche Wege. Gleichzeitig entstehen Nahrungsquellen und kleine Lebensräume für Insekten und andere Lebewesen.
Dabei muss nicht alles auf einmal entstehen. Ein artenreicher Garten entwickelt sich über Jahre. Nicht jede Saat geht sofort auf, nicht jede Pflanze bleibt dauerhaft bestehen und nicht jede Insektenart erscheint im ersten Sommer.
Gerade diese Entwicklung macht den Reiz aus.
Ein naturnahes Schildkrötengehege ist keine isolierte Tierfläche. Es kann Teil eines kleinen ökologischen Netzwerks werden – mitten im eigenen Garten.

In den nächsten Beiträgen dieser Reihe geht es ausführlicher um insektenfreundliche Futterpflanzen, blühende Versteckpflanzen und insektenfreundliche Arten, die nicht als Schildkrötenfutter geeignet sind.

