
Ein gut bepflanztes Schildkrötengehege kann zwei Aufgaben miteinander verbinden: Es bietet Europäischen Landschildkröten abwechslungsreiche Futterpflanzen und schafft gleichzeitig Nahrung für Hummeln, Wildbienen, Schmetterlinge und andere Insekten und Kleintiere.
Dafür braucht es keine exotischen Zierpflanzen und auch kein perfekt angelegtes Blumenbeet. Viele heimische Wildpflanzen, die sich gut in einem naturnahen Selbstversorgergehege entwickeln, blühen reich und werden von unterschiedlichen Insekten besucht.
Besonders wertvoll sind Pflanzen, die nicht sofort vollständig abgefressen werden. So können einzelne Exemplare weiterwachsen, Blüten entwickeln und später Samen bilden. Das kommt den Insekten zugute und trägt gleichzeitig dazu bei, dass sich die Pflanzen im Gehege durch Selbstaussaat selbst erhalten.
Vielfalt statt weniger Lieblingspflanzen
Landschildkröten sollten nicht dauerhaft nur aus wenigen besonders beliebten Pflanzen auswählen können. Ein vielfältig bewachsenes Gehege bietet Blätter, Stängel und Blüten mit unterschiedlichen Strukturen und ermöglicht den Tieren ein natürlicheres Weidegängerverhalten.
Auch für Insekten ist Vielfalt entscheidend. Verschiedene Blütenformen werden von unterschiedlichen Arten genutzt. Während manche Hummeln auch tief liegenden Nektar erreichen, benötigen andere Insekten leicht zugängliche, offene Blüten. Einige Wildbienenarten sind zudem auf bestimmte Pflanzengruppen als Pollenquelle spezialisiert.
Heimische Pflanzen wie Wegwarte, Witwenblumen, Malven und Taubnesseln gehören zu den Arten, die von Wildbienen und anderen Bestäubern genutzt werden. Klee und weitere Wildpflanzen entwickeln ihren ökologischen Wert allerdings erst dann vollständig, wenn sie nicht ständig gemäht oder schon vor der Blüte abgefressen werden.
Die Lösung liegt deshalb darin, ausreichend große Bestände anzulegen und manche Pflanzen durch ihre Platzierung oder eine zeitweise Abtrennung bis zur Blüte zu schützen.

Löwenzahn: wertvoll, aber nicht allein
Löwenzahn gehört zu den bekanntesten Futterpflanzen für Landschildkröten. Seine jungen und älteren Blätter, Blüten und Stängel werden meist gerne gefressen. Gleichzeitig erscheinen seine gelben Blüten bereits früh im Jahr und bieten verschiedenen Insekten Nahrung.
In einem vielfältigen Gehege ist Löwenzahn deshalb ausgesprochen wertvoll. Er sollte jedoch nicht zur fast alleinigen Futtergrundlage werden. Gerade weil er so beliebt und leicht verfügbar ist, verdrängt er in manchen Futterplänen ungewollt andere Wildpflanzen.
Besser ist es, Löwenzahn mit Wegericharten, Malven, Wegwarte und weiteren geeigneten Pflanzen zu kombinieren. So bleibt er ein wichtiger Bestandteil der Mischung, ohne die gesamte Vegetation zu bestimmen.

Wegerich: unscheinbar und ökologisch wertvoll
Hirschhorn-, Spitz- und Breitwegerich gehören zu den bewährten Futterpflanzen im Schildkrötengehege. Die festen, faserreichen Blätter werden von vielen Tieren gerne aufgenommen und halten auch trockenere Phasen vergleichsweise gut aus.
Auf den ersten Blick wirken die Blütenstände des Wegerichs wenig spektakulär. Trotzdem haben die Pflanzen einen ökologischen Wert. Wegericharten dienen zahlreichen Schmetterlingsarten beziehungsweise deren Raupen als Nahrungspflanzen. In einer vom Bundesamt für Naturschutz übernommenen Auswertung werden Wegericharten mit einer hohen Zahl zugeordneter Schmetterlingsarten aufgeführt.
Wegerich zeigt damit besonders schön, dass eine wertvolle Insektenpflanze nicht immer groß und farbenprächtig blühen muss.

Malven: Blätter, Blüten und ein wenig Höhe
Malven passen besonders gut in ein naturnahes Schildkrötengehege. Ihre Blätter und Blüten können als abwechslungsreiches Futter dienen. Gleichzeitig bringen die höheren Pflanzen mehr Struktur in die Fläche und werden von Wildbienen und anderen Insekten besucht.

Die Wilde Malve eignet sich besonders für sonnige, eher magere und gut durchlässige Standorte. Solche Bedingungen entsprechen auch dem Ziel, ein Schildkrötengehege nicht als üppig gedüngte, ständig feuchte Futterwiese anzulegen. Die Art wird unter anderem für leicht basische, magere Standorte empfohlen.
Malven sollten möglichst an mehreren Stellen wachsen dürfen. Werden sämtliche Jungpflanzen sofort abgefressen, erreichen sie weder ihre typische Größe noch die Blüte. Einzelne geschützte Pflanzen können später Samen liefern und für neues Saatgut sorgen.
Wegwarte: eine typische Pflanze für sonnige Gehege
Die Wegwarte ist mit ihren blauen Blüten kaum zu übersehen. Sie bevorzugt sonnige Standorte und kommt mit eher trockenen, mageren Böden zurecht. Damit passt sie gut in viele naturnah gestaltete Schildkrötengehege.

Ihre Blätter können gefressen werden, während ältere Pflanzen mit ihren festen Stängeln zugleich Höhe und Deckung schaffen. Die Blüten werden von verschiedenen Bestäubern besucht. Beobachtungen auf naturnahen Flächen zeigen unter anderem Hummeln an blühenden Wegwarten.
Werden einzelne Pflanzen bis zur Blüte stehen gelassen, verbindet die Wegwarte damit gleich drei Funktionen: Futter, Versteck und Insektenpflanze.
Flockenblumen: lange Blüte und viel Betrieb
Flockenblumen gehören zu den besonders wertvollen Blütenpflanzen eines naturnahen Gartens. Die Wiesen-Flockenblume und weitere geeignete Arten werden von Hummeln, Wildbienen, Schmetterlingen und anderen Insekten besucht.
Auch für das Schildkrötengehege sind sie interessant. Blätter und Blüten werden je nach Tier und Pflanzenart unterschiedlich gern aufgenommen. Werden sie nicht vollständig abgefressen, entwickeln sie sich zu höheren, standfesten Pflanzen und bieten Deckung.
Flockenblumen sind zudem für zahlreiche Schmetterlingsarten von Bedeutung. Die Wiesen-Flockenblume wird in einer Übersicht mit 47 zugeordneten Schmetterlingsarten genannt. Solche Zahlen bedeuten nicht, dass jede einzelne Pflanze von all diesen Arten gleichzeitig genutzt wird, zeigen aber ihren grundsätzlichen ökologischen Wert.
Taubnesseln: frühe Blüte
Taubnesseln blühen häufig früh und können deshalb eine wichtige Zeit überbrücken, in der das übrige Blütenangebot noch überschaubar ist. Besonders Hummeln besuchen ihre röhrenförmigen Blüten.
Auch als Futterpflanzen können geeignete Taubnesselarten das Angebot ergänzen. Sie wachsen häufig an halbschattigen oder etwas frischeren Stellen und bringen damit Abwechslung in Bereiche, die nicht den ganzen Tag in voller Sonne liegen.
Taubnesseln sollten jedoch nicht mit Brennnesseln oder anderen ähnlich wirkenden Pflanzen verwechselt werden. Vor dem Einsetzen oder Verfüttern bleibt eine sichere Bestimmung immer Voraussetzung.

Skabiosen und Witwenblumen
Skabiosen und Witwenblumen sind typische Pflanzen sonniger, blütenreicher Wiesen. Ihre Blütenstände werden von vielen Insekten besucht und sind besonders im Sommer wertvoll.
Für Schildkröten können geeignete Arten eine Ergänzung des Pflanzenbestandes darstellen. Wegen der unterschiedlichen Arten und ähnlicher Blütenformen sollte hier jedoch besonders auf eine sichere botanische Bestimmung geachtet werden.
Wiesen-Witwenblume und Tauben-Skabiose werden auch für trockene, magere Standorte empfohlen und passen damit grundsätzlich gut in entsprechende Gartenbereiche.

Klee: beliebt bei Hummeln
Ein wenig Rotklee, Weißklee oder Hornklee können das Pflanzenangebot im Gehege ergänzen. Besonders Rotklee wird wegen seiner längeren Blütenröhren häufig von Hummeln besucht. Weißklee bildet bei passender Witterung über einen längeren Zeitraum immer wieder neue Blüten.

Hornklee ist ebenfalls ökologisch interessant. Er wird als Pflanze für magere Standorte empfohlen und dient nicht nur als Nektar- und Pollenquelle, sondern auch verschiedenen Schmetterlingsraupen als Nahrung.
Kleearten sollten Teil einer abwechslungsreichen Pflanzenmischung sein, aber nicht große Bereiche des Geheges dominieren. Wie bei allen Futterpflanzen kommt es auf Vielfalt und eine ausgewogene Verteilung an. Klee ist nämlich recht eiweißhaltig und sollte deshalb nur in Maßen gefressen werden.

Nicht alles gleichzeitig abfressen lassen
Ein grundsätzliches Problem in kleinen oder dicht besetzten Gehegen ist der hohe Fraßdruck. Selbst robuste Pflanzen schaffen es dort häufig nicht bis zur Blüte.
Hilfreich sind mehrere getrennte Pflanzflächen, kleine geschützte Inseln oder zeitweise Abdeckungen, durch die sich einzelne Bestände erholen können. Auch Pflanzen am äußeren Gehegerand können so gesetzt werden, dass ein Teil erreichbar bleibt, während der Rest weiterwachsen und blühen kann.

Futterpflanzenanzucht
Jeder Schildkrötenhalter sollte sich einmal über das Sammeln von Futterpflanzensamen und die Aussaat und Anzucht von Futterpflanzen informieren. Selbst angebautes Futter gewährleistet eine hohe Sicherheit und Qualität. Das Ziel sollte letztendlich sein, möglichst viele verschiedene Pflanzen im Selbstversorgergehege anbieten zu können.
Zusätzliche Anzuchtflächen, zum Beispiel auf der Fensterbank oder im Hochbeet mit Frühbeetaufsatz, ermöglichen es, Jungpflanzen vorzuziehen und später nachzusetzen. So steht nicht jede neu austreibende Pflanze sofort unter vollständigem Fraßdruck.
Das Ziel ist keine unberührte Blütenpracht, denn die Schildkröten sollen die Pflanzen schließlich nutzen dürfen. Einige Exemplare sollten aber die Chance erhalten, Blüten und Samen zu entwickeln.
Blüten sind Ergänzung, nicht Hauptfutter
Blüten gehören zu einem natürlichen und abwechslungsreichen Pflanzenangebot. Sie sollten jedoch nicht in großen Mengen gesammelt und als nahezu alleinige Mahlzeit angeboten werden.
Im bepflanzten Gehege reguliert sich das meist von selbst: Die Tiere finden Blätter, Stängel, Blüten und trockene Pflanzenteile gleichzeitig und können auswählen. Genau darin liegt einer der Vorteile des Selbstversorgergeheges gegenüber einer Schale mit vorsortiertem Futter.
Auch bei besonders beliebten Blüten bleibt Vielfalt wichtiger als Menge.

Der Standort entscheidet mit
Viele geeignete Futter- und Insektenpflanzen gedeihen besonders gut auf sonnigen, eher mageren und gut drainierten Böden, also zum Beispiel im Gehege mit Kalkschotter. Eine starke Düngung fördert dagegen häufig wenige wüchsige Arten, die empfindlichere Wildpflanzen verdrängen.
Wegwarte, Wiesen-Flockenblume, Hornklee und Wilde Malve gehören zu den Pflanzen, die sich je nach Art für magere beziehungsweise leicht basische Standorte eignen.
Das bedeutet nicht, dass das gesamte Gehege völlig trocken sein muss. Unterschiedliche Zonen sind ausdrücklich erwünscht. Neben sonnigen, mageren Bereichen dürfen auch etwas frischere Stellen entstehen, an denen andere Pflanzen wachsen.
Ein Gehege darf blühen
Ein Selbstversorgergehege muss nicht kurz und gleichmäßig abgeweidet aussehen. Gerade höhere Pflanzen, blühende Inseln und zeitweise stehen gelassene Bestände machen es für Schildkröten und Insekten wertvoll.
Die Schildkröten erhalten abwechslungsreiches Futter, Deckung und natürliche Suchmöglichkeiten. Hummeln und Wildbienen finden Nektar und Pollen. Schmetterlinge profitieren je nach Pflanzenart sowohl von den Blüten als auch von geeigneten Raupenfutterpflanzen, wie der Brennnessel.
Die beste Futterfläche ist deshalb nicht die ordentlichste. Sie ist vielfältig, lebendig und darf an vielen Stellen blühen.

Im ersten Artikel dieser Serie erfährt man Grundlegendes über Artenvielfalt und Biodiversität im Gehege.
Im nächsten Beitrag der Reihe geht es um blühende Versteckpflanzen, die im Gehege Schatten, Deckung und Rückzugsmöglichkeiten schaffen.
