Woher stammt der Sepiaschulp für unsere Schildkröten?
Der sogenannte Sepiaschulp (auch Sepiaschale oder auf Englisch „cuttlebone“) ist kein künstliches Produkt, sondern ein natürlicher Bestandteil des Körpers von Sepien, also Echten Tintenfischen der Ordnung Sepiida innerhalb der Zehnarmigen Tintenfische (Decabrachia).

Was ist eine Sepia?
Sepien werden umgangssprachlich oft einfach als „Tintenfische“ bezeichnet, unterscheiden sich jedoch deutlich von Kraken (Oktopoden):
- Zehn Arme: acht kurze Arme und zwei lange Fangtentakel
- Innere kalkhaltige Schale: der Sepiaschulp
- Hochentwickelte Tarnfähigkeit: Farb- und Strukturwechsel in Sekunden
- Aktive Räuber: blitzschnelle Jagd auf Krebstiere und kleine Fische
Sie leben überwiegend in flachen Küstengewässern, häufig über sandigem Grund oder in Seegraswiesen, und sind meist nachtaktiv. Ihre Lebensdauer ist kurz, viele Arten werden nur etwa ein Jahr alt.

Der Sepiaschulp („Cuttlebone“) dient der Auftriebsregulation, indem er über gas- und flüssigkeitsgefüllte Kammern das spezifische Gewicht anpasst und der Sepie so ein energiesparendes Schweben im Wasser ermöglicht
Abgrenzung zu anderen „Tintenfischen“
- Sepia vs. Krake (Oktopus): Kraken haben acht Arme und keine Schale.
- Sepia vs. Kalmar: Kalmare besitzen zwar zehn Arme, aber nur eine dünne, chitinöse Stützplatte (Gladius), keinen kalkhaltigen Schulp.
Bedeutung für den Menschen
- Kulinarisch: Sepienfleisch wird gekocht, gebraten oder frittiert; die Tinte färbt z. B. Pasta schwarz.
- Aquaristik: Haltung nur für sehr erfahrene Meerwasseraquarianer geeignet.
- Terraristik: Der Sepiaschulp ist seit Jahrzehnten eine bewährte, natürliche Kalziumquelle für Vögel und Reptilien, insbesondere für Landschildkröten.
Der Sepiaschulp – Aufbau und Funktion
Der Sepiaschulp ist eine innere, poröse Kalkstruktur, die fast ausschließlich aus Calciumcarbonat (Aragonit) besteht.
Funktion für die Sepia:
- Dient als Auftriebskörper
- Reguliert das spezifische Gewicht durch gas- und flüssigkeitsgefüllte Kammern
- Ermöglicht energiesparendes Schweben im Wasser
Nach dem Tod der Sepia löst sich der Schulp aus dem Weichkörper und kann an die Wasseroberfläche aufsteigen.
Wie gelangt der Sepiaschulp zu uns?
Für die Kalziumversorgung von Schildkröten stammen Sepiaschulpen aus zwei Hauptquellen:
1. Beifang und Verarbeitung von Sepien
Sepien werden in vielen Mittelmeer- und Atlantikregionen als Lebensmittel gefischt.
Bei der Verarbeitung:
- wird der Weichkörper genutzt
- der Sepiaschulp als Nebenprodukt entnommen, gereinigt und getrocknet
👉 Der Schulp fällt also nicht extra für den Heimtierbedarf an, sondern wird sinnvoll weiterverwendet.

2. Angespülte Sepiaschulpen
Ein Teil der im Handel erhältlichen Sepiaschalen stammt von:
- natürlich angespülten Schulpfragmenten
- gesammelt an Küsten nach Stürmen oder starken Strömungen
Diese werden ebenfalls gereinigt, getrocknet und sortiert.
Warum ist Sepiaschulp für Schildkröten so wertvoll?
Für Landschildkröten ist Sepiaschulp eine naturnahe Kalziumquelle, besonders für schnell wachsende Jungtiere und eierlegende Weibchen:
- sehr hoher Kalziumgehalt
- frei von künstlichen Zusätzen
- regulierbare Aufnahme: die Tiere nagen selbstständig
- unterstützt Panzerwachstum, Knochenstoffwechsel und Eiablage
Gerade bei mediterranen Arten entspricht diese Form der Kalziumaufnahme dem natürlichen Verhalten.

Fazit
Kalzium ist für Landschildkröten ein essenzieller Mineralstoff und kein optionales „Extra“. Es wird für Knochen, Panzer, Muskel- und Nervenfunktion sowie bei weiblichen Tieren im Zusammenhang mit der Fortpflanzung und Beschalung der Eier benötigt. Entscheidend ist dabei nicht nur die Kalziumaufnahme selbst, sondern das Zusammenspiel mit Phosphor, Magnesium, Vitamin D₃, UVB-Strahlung, geeigneten Temperaturen und jahreszeitlichen Stoffwechselveränderungen. Eine unzureichende Kalziumversorgung oder ein ungünstiges Kalzium-Phosphor-Verhältnis kann bei Reptilien zu Störungen des Knochenstoffwechsels bis hin zu metabolischen Knochenerkrankungen führen. Sepiaschulp ist daher vor allem als frei verfügbare, kalziumreiche Ergänzung sinnvoll, ersetzt aber keine insgesamt naturnahe, rohfaserreiche Fütterung und keine geeignete UVB- und Wärmeversorgung.
Literaturliste mit Kurzabstracts
LIESEGANG, A., HATT, J.-M. & WANNER, M. (2007): Influence of different dietary calcium levels on the digestibility of Ca, Mg and P in Hermann’s tortoises 𝘛𝘦𝘴𝘵𝘶𝘥𝘰 𝘩𝘦𝘳𝘮𝘢𝘯𝘯𝘪. Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition 91: 459–464. DOI: 10.1111/j.1439-0396.2007.00676.x.
Die Studie untersucht bei adulten Griechischen Landschildkröten den Einfluss unterschiedlicher Kalziumgehalte im Futter auf die scheinbare Verdaulichkeit von Kalzium, Magnesium und Phosphor. Die Ergebnisse zeigen, dass die Höhe der Kalziumzufuhr Auswirkungen auf die Aufnahme und Verwertung weiterer Mineralstoffe haben kann. Die Arbeit ordnet Kalzium und Phosphor als relevante Bestandteile der Ernährung von Landschildkröten ein.
GEISLER, G., LEINEWEBER, C., PEES, M., ÖFNER, S. & MARSCHANG, R. E. (2023): The effects of sex, season, and natural sunlight on plasma vitamin D₃ levels in two chelonian species 𝘛𝘦𝘴𝘵𝘶𝘥𝘰 𝘩𝘦𝘳𝘮𝘢𝘯𝘯𝘪 and 𝘛𝘳𝘢𝘤𝘩𝘦𝘮𝘺𝘴 𝘴𝘤𝘳𝘪𝘱𝘵𝘢 and their interaction with calcium, phosphate, and magnesium as associated plasma compounds. Frontiers in Amphibian and Reptile Science 1: 1268801. DOI: 10.3389/famrs.2023.1268801.
Die Arbeit untersucht Vitamin-D₃-, Kalzium-, Phosphat- und Magnesiumwerte bei Griechischen Landschildkröten und Schmuckschildkröten unter Berücksichtigung von Art, Geschlecht, Jahreszeit und Zugang zu natürlichem Sonnenlicht. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Blutwerte von mehreren biologischen und umweltbezogenen Faktoren beeinflusst werden. Für die Bewertung des Kalziumstoffwechsels ist daher der Zusammenhang mit Vitamin D₃, UVB-Strahlung, Jahreszeit und Geschlecht zu berücksichtigen.
SELLERI, P. & DI GIROLAMO, N. (2012): Plasma 25-hydroxyvitamin D₃ concentrations in Hermann’s tortoises 𝘛𝘦𝘴𝘵𝘶𝘥𝘰 𝘩𝘦𝘳𝘮𝘢𝘯𝘯𝘪 exposed to natural sunlight and two artificial ultraviolet radiation sources. American Journal of Veterinary Research 73(11): 1781–1786. DOI: 10.2460/ajvr.73.11.1781.
In dieser Studie wurden 25-Hydroxyvitamin-D₃-Konzentrationen bei Griechischen Landschildkröten nach Exposition gegenüber natürlichem Sonnenlicht und zwei künstlichen UVB-Quellen untersucht. Die Arbeit befasst sich mit der Bedeutung von UVB-Strahlung für den Vitamin-D₃-Status. Da Vitamin D₃ an der Regulation des Kalziumstoffwechsels beteiligt ist, liefert die Studie einen Beitrag zur Einordnung von UVB-Versorgung und Mineralstoffhaushalt bei Landschildkröten.
HETÉNYI, N., LANG, Z., SÁTORHELYI, T. & HULLÁR, I. (2020): Effects of different vitamin D sources on blood biochemistry of bearded dragons 𝘗𝘰𝘨𝘰𝘯𝘢 spp. and Hermann’s tortoises 𝘛𝘦𝘴𝘵𝘶𝘥𝘰 𝘩𝘦𝘳𝘮𝘢𝘯𝘯𝘪. Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift 133. DOI: 10.2376/0005-9366-19024.
Die Studie vergleicht bei Bartagamen und Griechischen Landschildkröten den Einfluss unterschiedlicher Vitamin-D-Quellen auf biochemische Blutparameter. Dabei werden UVB-Exposition und orale Vitamin-D₃-Gabe berücksichtigt. Die Untersuchung behandelt den Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Versorgung, Kalziumstoffwechsel und Blutwerten bei Reptilien in menschlicher Obhut.
SCOPE, A., SCHWENDENWEIN, I. & SCHAUBERGER, G. (2013): Characterization and quantification of the influence of season and gender on plasma chemistries of Hermann’s tortoises 𝘛𝘦𝘴𝘵𝘶𝘥𝘰 𝘩𝘦𝘳𝘮𝘢𝘯𝘯𝘪. Research in Veterinary Science 95(1): 59–68. DOI: 10.1016/j.rvsc.2013.02.017.
Die Arbeit untersucht den Einfluss von Jahreszeit und Geschlecht auf verschiedene Blutchemiewerte bei Griechischen Landschildkröten. Die Ergebnisse zeigen, dass physiologische Parameter saisonalen und geschlechtsspezifischen Schwankungen unterliegen können. Dies ist bei der Interpretation von Kalziumwerten und anderen Blutparametern zu berücksichtigen.
LEINEWEBER, C., STÖHR, A. C., ÖFNER, S., MATHES, K. & MARSCHANG, R. E. (2019): Changes in plasma chemistry parameters in Hermann’s tortoises 𝘛𝘦𝘴𝘵𝘶𝘥𝘰 𝘩𝘦𝘳𝘮𝘢𝘯𝘯𝘪 influenced by season and sex. Journal of Herpetological Medicine and Surgery 29(3–4): 113–122. DOI: 10.5818/18-07-159.1.
Diese Studie beschreibt Veränderungen verschiedener Blutchemieparameter bei Griechischen Landschildkröten in Abhängigkeit von Jahreszeit und Geschlecht. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Referenzwerte und Einzelbefunde im Zusammenhang mit biologischen Schwankungen interpretiert werden sollten. Dies betrifft auch Parameter des Mineralstoffhaushalts.
MATHES, K. A., HOLZ, A. & FEHR, M. (2006): Blutreferenzwerte in Deutschland gehaltener Europäischer Landschildkröten 𝘛𝘦𝘴𝘵𝘶𝘥𝘰 spp. Tierärztliche Praxis Kleintiere/Heimtiere 34: 268–274.
Die Arbeit erfasst Blutreferenzwerte bei in Deutschland gehaltenen Europäischen Landschildkröten. Sie stellt Vergleichswerte für verschiedene Blutparameter bereit und dient der tiermedizinischen Einordnung klinischer Befunde. Im Zusammenhang mit Kalzium ist die Studie relevant, wenn Blutwerte und Mineralstoffstatus diagnostisch bewertet werden.
KLAPHAKE, E. (2010): A fresh look at metabolic bone diseases in reptiles and amphibians. Veterinary Clinics of North America: Exotic Animal Practice 13(3): 375–392. DOI: 10.1016/j.cvex.2010.05.007.
Die Übersichtsarbeit behandelt metabolische Knochenerkrankungen bei Reptilien und Amphibien. Beschrieben werden unter anderem Störungen des Kalzium- und Vitamin-D-Stoffwechsels, ein ungünstiges Kalzium-Phosphor-Verhältnis sowie haltungsbedingte Einflussfaktoren. Die Arbeit ordnet diese Faktoren als relevante Ursachen von Knochenstoffwechselstörungen bei Reptilien ein.
MANS, C. & BRAUN, J. (2014): Update on common nutritional disorders of captive reptiles. Veterinary Clinics of North America: Exotic Animal Practice 17(3): 369–395. DOI: 10.1016/j.cvex.2014.05.002.
Diese Übersichtsarbeit fasst häufige ernährungsbedingte Erkrankungen bei Reptilien in menschlicher Obhut zusammen. Behandelt werden unter anderem Störungen im Zusammenhang mit Kalzium, Vitamin D₃ und weiteren Nährstoffen. Die Arbeit beschreibt den sekundären ernährungsbedingten Hyperparathyreoidismus als eine relevante Folge unausgewogener Ernährung und ungeeigneter Haltungsbedingungen.
DONOGHUE, S. & MCKEOWN, S. (1999): Nutrition of captive reptiles. Veterinary Clinics of North America: Exotic Animal Practice 2(1): 69–91. DOI: 10.1016/S1094-9194(17)30140-8.
Die Arbeit gibt einen Überblick über die Ernährung von Reptilien in menschlicher Obhut. Thematisiert werden verschiedene ernährungsbedingte Probleme, darunter die Versorgung mit Kalzium, Vitamin D₃, Vitamin A, Energie und Rohfaser. Für Landschildkröten ist die Quelle als allgemeine Grundlage zur Einordnung von Nährstoffversorgung und Fütterungsfehlern relevant.
SAHOO, G., SAHOO, R. K. & MOHANTY-HEJMADI, P. (1998): Calcium metabolism in olive ridley turtle eggs during embryonic development. Comparative Biochemistry and Physiology Part A 121(1): 91–97.
Die Studie untersucht den Kalziumstoffwechsel in Eiern der Oliv-Bastardschildkröte während der Embryonalentwicklung. Sie beschreibt die Verlagerung von Kalzium aus der Eischale in den sich entwickelnden Embryo. Die Arbeit bezieht sich nicht auf Landschildkröten, zeigt aber die Bedeutung von Kalzium für die Entwicklung von Schildkrötenembryonen im Allgemeinen.