Ein Schildkröten Ornament an einem Wohnhaus

Kulturelle Schildkröten-Exkursion 10

Die 10. kulturelle Schildkrötenexkursion aus der Serie „Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp“.

Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp

10.)  Die Schildkröten in der Böttgerstraße, Berlin-Wedding

Auch im Berliner Stadtteil Wedding, im Bezirk Mitte, können wir wieder Schildkröten entdecken. Von hoch oben schauen sie diesmal auf uns herab….!

Es handelt sich nämlich um Schmuckelemente aus Terrakotta, die eine einfache Backsteinfassade verzieren. Jedes Element zeigt zwei nach unten blickende Landschildkröten, unterbrochen durch eine sich öffnende Blüte. Hier und da fehlt leider ein Schildkrötenkopf.

Terrakotta-Schmuckband an der Backsteinfassade in der Böttgerstraße: zwei kopfüber hängende Schildkröten, dazwischen ein blütenartiges Mittelmotiv.

Dieses Gebäude mit dem leicht überstehenden Dach, dem kleinen Erker und eben diesen Fassadenverzierungen gehörte zu einer Schule (höhere Mädchenschule und Gemeindedoppelschule) und steht in der Böttgerstraße 4. Es handelt sich um das ehemalige „Direktorenwohngebäude“ und wird heute noch als Wohnhaus benutzt.

Die Schule wurde von Ludwig Hoffmann, Stadtbaurat und Architekt (1852-1932) zwischen 1904 und 1906 gebaut (sehr ungenaue Datierung, manchmal wird auch das Jahr 1908 erwähnt).

Alle Rechte an Text und Fotos: Elke Wallrapp


Einordnung

Die Böttgerstraße liegt im Ortsteil Gesundbrunnen, der historisch zum Wedding gehört und heute zum Bezirk Mitte zählt. Hier, in einem dicht bebauten Arbeiterviertel der Kaiserzeit, errichtete die Stadt Berlin um 1905 ein ganzes Schulensemble. Dass die Schildkröten heute „von hoch oben“ auf uns herabschauen, hat einen einfachen Grund: Die Terrakotta-Elemente sitzen als sparsam gesetzter Schmuck weit über Augenhöhe an einer ansonsten schlichten Backsteinwand. Genau diese Zurückhaltung ist typisch für den Schul- und Verwaltungsbau jener Jahre – und macht das kleine Motiv für Vorübergehende leicht übersehbar.

Das Schmuckband sitzt weit über Augenhöhe an der schlichten Backsteinfassade.

Der Architekt Ludwig Hoffmann und seine Schulbauten

Ludwig Hoffmann war von 1896 bis 1924 Stadtbaurat von Berlin und damit für nahezu den gesamten städtischen Hochbau verantwortlich. In dieser Zeit entstanden unter seiner Leitung rund 150 Bauprojekte, darunter etwa 69 Schulen – kein anderer Architekt hat in Berlin mehr Gebäude errichtet. Seine Bauten konzentrierten sich auf die damals am schnellsten wachsenden Bezirke, vor allem Wedding und Prenzlauer Berg, wo immer neue Wohnquartiere für die zuziehende Bevölkerung dringend Schulen brauchten.

Hoffmann wandte sich bewusst vom nüchternen, kasernenartigen Schulbau seines Vorgängers Hermann Blankenstein ab. Öffentliche Bauten sollten unter ihm nicht nur zweckmäßig, sondern auch repräsentativ wirken: Die Stadt wollte sichtbar machen, dass sie ihren Schulen einen Wert beimisst. Figürlicher Bauschmuck wie unsere Schildkröten gehört in dieses Programm – er gab standardisierten, kostengünstigen Zweckbauten ein individuelles Gesicht.

Warum Terrakotta? Ein Material im Umbruch

Gerade die Schildkröten aus gebranntem Ton verweisen auf einen interessanten Wendepunkt. In der Gründerzeit war es üblich, Backsteinfassaden mit vorgefertigten Verblend- und Schmucksteinen aus Terrakotta zu gliedern. Hoffmann ging im Laufe seiner Amtszeit zunehmend davon ab und bevorzugte verputzte Fassaden und Werkstein – aus ästhetischen Gründen, aber auch, weil er sie auf Dauer für haltbarer hielt. Damit setzte er sich gegen Widerstände durch, unter anderem aus Rücksicht auf die heimische Terrakottaindustrie, die bis dahin diese Bauteile geliefert hatte.

Das Schulensemble in der Böttgerstraße entstand noch in jener früheren Tradition: roter Backstein, gegliedert durch Werksteinsockel und Terrakotten. Die Schildkröten-Reliefs sind also nicht nur ein hübsches Detail, sondern auch ein materialgeschichtliches Zeugnis einer Bauweise, die Hoffmann bald hinter sich ließ.

Das Wohngebäude als Teil des Schulensembles

Zu einem Schulkomplex Hoffmannscher Prägung gehörte regelmäßig mehr als das reine Unterrichtsgebäude: Turnhalle, Höfe und ein separates Wohnhaus für Schulleitung und Lehrkräfte bildeten ein zusammengehöriges Ensemble.

Das eigentliche Schulhaus dieses Ensembles wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und in den 1950er Jahren in vereinfachter Form auf den alten Fundamenten wieder aufgebaut – wobei viele bauzeitliche Schmuckformen verloren gingen. Das Wohngebäude dagegen blieb erhalten und wird bis heute bewohnt.

Die Schildkröten im Detail

Das Schmuckelement ist als querformatiges Relief gestaltet, das sich an der Fassade wiederholt. Im Zentrum sitzt ein von oben gesehenes, kuppelförmiges Panzerrund mit einer rosettenartig aufblühenden Mitte. Flankiert wird es von zwei Schildkröten, die kopfüber nach unten hängen: Ihre Köpfe und Vorderbeine weisen zum Betrachter herab, die Panzer sind plastisch mit Hornschilden modelliert. Zwischen den Figuren vermitteln S-förmig geschwungene Bänder, die wie kleine Schlangen- oder Rankenglieder aussehen.

Frontalansicht des Reliefs: die beiden äußeren Tiere kopfüber, in der Mitte das blüten- bzw. panzerförmige Rund mit Rosettenkern.

An mehreren Reliefs fehlen heute die vorspringenden Köpfe – auf den Fotos gut zu erkennen. Diese filigranen, am weitesten aus der Wand ragenden Partien sind besonders verwitterungs- und stoßempfindlich und brechen erfahrungsgemäß als Erstes ab.

Zwischen frischem Frühjahrslaub: das Relief an der Fassade des Wohngebäudes.

Das zentrale Rosettenmotiv lässt sich zugleich als stilisierte Blüte und – wegen des gewölbten, schildartig gefelderten Rundes – als dritte, von oben gezeigte Schildkröte deuten. Diese Doppellesbarkeit ist gerade das Reizvolle an solchem Bauornament, das Naturform und Pflanzenmotiv bewusst ineinander übergehen lässt.

Die Schildkröte als Bauschmuck mit Symbolgehalt

Warum gerade Schildkröten an einem zu einer Schule gehörenden Wohnhaus? Die Schildkröte trägt eine lange Symboltradition und gilt seit der Antike als Sinnbild für Langlebigkeit, Beständigkeit, Geduld und bedächtige Ausdauer – Eigenschaften, die zu einem Ort des Lernens durchaus passen würden.

Bemerkenswert ist außerdem, dass die Schildkröte im Werk Ludwig Hoffmanns mehrfach auftaucht. Derselbe Stadtbaurat verantwortete den Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain (unsere Exkursion 6), an dem die Bildhauer um Ignatius Taschner ebenfalls Schildkröten schufen. Repliken dieser Taschner-Schildkröten zieren sogar einen Brunnen in Hoffmanns Klinikanlage in Berlin-Buch (heute „Ludwig Hoffmann Quartier“). Die kleinen Terrakotta-Panzer in der Böttgerstraße reihen sich damit in eine ganze Familie Hoffmannscher Schildkröten-Darstellungen ein.

Schrägansicht: Das einzelne Schmuckband hebt sich hell von der heute überstrichenen Backsteinwand ab.

Quellen

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