
Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp
13.) Die Tschernobyl-Schildkröte in Bamberg
Sie sollte als Denkmal an die nukleare Reaktorkatastrophe in Tschernobyl erinnern, wurde zugleich aber auch ein Mahnmal für das atomare Unglück in Fukushima.
Die Rede ist von unserer nächsten Schildkröte!
Bestaunen können wir sie in Bamberg, am neuen Uferweg des linken Regnitzarmes unterhalb der Friedensbrücke.

Sie wurde vom südkoreanischen Bildhauer „Jin Mo Kang“ im Rahmen eines bundesweiten Künstlerwettbewerbs zum Thema „Ein Denkmal für Tschernobyl“ entworfen (im Auftrag des Bundes Naturschutz in Bayern) und aus Kostengründen von den Schülern der „staatlichen Berufsschule Marktredwitz-Wunsiedel, Fachbereich Steintechnik“ gefertigt.
Die Schildkröte besteht aus Diorit, einem schwarzen Gestein mit Quarzeinflüssen, welcher aus Südböhmen stammt. Sie ist ca. 95 cm hoch, ca. 130 cm breit und ca. 165 cm lang und hat ein Gewicht von fast 3 Tonnen.

Das besondere an ihr ist, dass sie auf ihrem Rückenpanzer liegt und ihre Füße hilflos in die Luft streckt. Auf ihrem Bauchpanzer befindet sich eine eingemeißelte Weltkarte.
Beide Details haben eine symbolische Bedeutung.

Die auf dem Rücken liegende Schildkröte steht für „die wehrlose Natur gegenüber den Gefahren der Radioaktivität“ und die Weltkarte deutet auf die Globalisierung des Themas hin.
Aufgestellt wurde dieses bedeutende Denkmal oder besser Mahnmal im Jahre 2011 zum 25. Jahrestag der „Tschernobyl Katastrophe“ und fast zeitgleich ereignete sich auch das japanische Reaktorunglück.
Eine bronzene Gedenktafel, eingelassen in den Boden, ist neben der Schildkröte zu finden.
Alle Rechte an Text und Fotos: Elke Wallrapp.

Ein Denkmal für Tschernobyl – die Entstehung
Der Ursprung des Werks reicht bis ins Jahr 1988 zurück, nur zwei Jahre nach der Reaktorkatastrophe. Damals schrieb die Kreisgruppe Hof des Bundes Naturschutz in Bayern einen bundesweiten Künstlerwettbewerb unter dem Titel „Ein Denkmal für Tschernobyl“ aus. Weit über 100 Künstlerinnen und Künstler aus der gesamten Bundesrepublik reichten Entwürfe ein. Eine Jury unter dem Vorsitz von Professor Eugen Gomringer – gemeinsam mit dem damaligen Bundesvorsitzenden Hubert Weinzierl und dem Frankenpost-Chefredakteur Werner Mergner – wählte im Mai 1988 den Entwurf von Jin Mo Kang aus. Als treibende Kräfte gelten Nanne und Udo Benker-Wienands von der Kreisgruppe Hof. Vom Wettbewerb bis zur Verwirklichung in Stein vergingen mehr als zwei Jahrzehnte.
Der Künstler: Jin Mo Kang
Jin Mo Kang ist ein aus Südkorea stammender, international tätiger Bildhauer, der in Deutschland lebt und arbeitet. Er war Meisterschüler von Professor Leo Kornbrust an der Akademie der Bildenden Künste München. Sein Entwurf setzte sich gegen mehr als hundert Mitbewerber durch – die auf dem Rücken liegende, hilflos strampelnde Schildkröte übersetzt die abstrakte Bedrohung durch Radioaktivität in ein sofort verständliches Bild.
Vom Modell zum Mahnmal – die Aufstellung 2011
Realisiert wurde die Skulptur schließlich 2011, pünktlich zum 25. Jahrestag der Katastrophe. Ausgeführt wurde sie – aus Kostengründen als Ausbildungsprojekt – von Schülerinnen und Schülern der Staatlichen Berufsschule Marktredwitz-Wunsiedel, Abteilung Steintechnik, unter Leitung des Ausbilders Wolfgang Ritter. Wenige Wochen vor der Einweihung ereignete sich im März 2011 die Reaktorkatastrophe von Fukushima, wodurch das Mahnmal eine tragische Aktualität erhielt und zum Gedenkzeichen für beide Katastrophen wurde. Bei der Enthüllung am 26. April 2011 sprachen unter anderem der BN-Landesvorsitzende Hubert Weiger und Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke. Die in den Boden eingelassene bronzene Gedenktafel nennt neben Künstler und ausführender Berufsschule zahlreiche Unterstützer und würdigt das jahrzehntelange Engagement des Bundes Naturschutz und seines Bamberger Kreisvorsitzenden Dr. Ludwig Trautmann-Popp. Bis heute findet an der Schildkröte alljährlich am 26. April ein stilles Gedenken statt.

Standort am Regnitzufer und die Landesgartenschau 2012
Ihren Platz fand die Skulptur auf der neu gestalteten Uferfläche am linken Regnitzarm unterhalb der Friedensbrücke. Der Standort liegt an dem „grünen Band“ neu angelegter Uferwege, das die Innenstadt mit dem ehemaligen Industrieareal der Baumwollspinnerei Erba verbindet. Nur ein Jahr später, 2012, fand hier die Bayerische Landesgartenschau statt, in deren Zuge das Regnitzufer erschlossen wurde. Damit ist die Schildkröte Teil eines Skulpturenwegs in der Weltkulturerbestadt Bamberg – ein Mahnmal, das im Vorübergehen zum Innehalten einlädt.
Das Mahnmal ist unter dem Namen „Ein Denkmal für Tschernobyl“ offiziell kartografiert. Man findet die Steinschildkröte im Erba-Park am Uferweg:
- Adresse: Schweinfurter Str., 96049 Bamberg
- Geografische Koordinaten: 49° 54′ 14.5″ N, 10° 52′ 09.0″ E
Die Skulptur liegt direkt auf der Erba-Insel. Wenn man auf der Schweinfurter Straße stadtauswärts fährt, passiert man die Friedensbrücke. Direkt unterhalb der Brücke führt der verkehrsberuhigte Landesgartenschauweg am Weidenufer entlang. Dort liegt die markante, dreizehnte Schildkröte direkt am Wasser.
Literatur & Quellen
- Bund Naturschutz in Bayern e.V.: Pressemitteilung „25 Jahre nach Tschernobyl“, Bamberg 2011. PDF
- Stadt Bamberg: Rathaus Journal 10/2011, „25 Jahre nach Tschernobyl“. PDF
- nordbayern.de: „Schildkröten-Skulptur gegen Atomkraft“, 27.04.2011. nordbayern.de
- inFranken.de: „Tschernobyl-Gedenken im Erbapark“, 2022. infranken.de
- Wikipedia: Landesgartenschau Bamberg 2012 (Kontext). Wikipedia
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