Kulturelle Schildkröten-Exkursion 14

Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp

Eine plastische Schildkrötenfigur im Jugendstilstil an einer Hausfassade in Stuttgart.
Der weit vorspringende Erker gehört zu den besonders auffälligen Gestaltungselementen der Jugendstilfassade.

14.)Jugendstil-Schildkröten in Stuttgart

Unsere nächste Schildkrötenreise führt uns diesmal in den Süden Deutschlands, nämlich nach Stuttgart.
Im westlichen und auch im südlichen Teil von Stuttgart befinden sich heute noch viele Wohnhäuser mit Verzierungen und Ornamenten aus der Zeit des Jugendstils.

Diese kunstgeschichtliche Epoche hatte in Deutschland ihren Höhepunkt in den Jahren 1896 bis ca. 1910 und zeichnet sich u.a. durch geschwungene Linien, stilisierte Blumen, Pflanzen, aber auch viele Tiermotive aus.
Auch in Stuttgart hat sie Spuren hinterlassen und die Ausdehnung der Innenstadt um 1900 fiel genau in diese Zeit.

Drei besonders schöne Jugendstilhäuser können wir in einer Kurve der Schickhardtstraße (Hausnummern 43-47) bewundern.
Diese drei Gebäude wurden von den Architekten „Gebrüder Emil und Paul Kärn“ entworfen. Sie wurden als Mietshäuser erbaut und stammen aus den Jahren 1902/03.

Und genau hier befinden sich unsere nächsten Schildkröten!

Steinerne Schildkröte neben einem langen verschlungenen Jugendstilornament an einem Balkonpfeiler.
Jugendstil in Stuttgart: An den reich geschmückten Fassaden der Schickhardtstraße verstecken sich gleich mehrere außergewöhnliche Schildkröten.

Diese drei Backsteinbauten zeichnen sich nämlich durch ihre besonders reich und vielfältig verzierten Fassaden aus.
Typisch für den Stuttgarter Jugendstil ist allerdings die Tatsache, dass die Seiten- und Rückwände eher schmucklos gestaltet sind, aber das ist in unserem Fall nur eine Nebensache.

Insgesamt können wir hier vier große, sehr detailliert und lebensecht dargestellte Landschildkröten an zwei unterschiedlich gestalteten Erkern entdecken.
Sie befinden sich rechts und links der Balkone an den Häusern 43 und 47 und schauen mit ihren Köpfen nach unten. Sie sind perfekt in die Rundungen der steinernen Balkon Balustraden eingepasst. Darüber können wir ein Blättermuster mit Früchten, welches an Eichenblätter mit Eicheln erinnert und verknotete Schnüre erkennen.

Text und Fotos: Elke Wallrapp

Zwei steinerne Schildkröten an den beiden Seiten eines Jugendstilerkers in Stuttgart.
Erst bei genauerem Hinsehen werden die beiden Schildkröten sichtbar: Sie sitzen seitlich am Erker und ragen weit aus der Fassade heraus.

Vier Schildkröten mitten im Jugendstil

Aus der Nähe zeigt sich erst, wie plastisch diese Tiere gestaltet wurden. Die Schildkröten sind keine flachen Reliefs. Kopf, Hals und Vorderbeine treten weit aus der Fassade heraus und vermitteln beinahe den Eindruck, als würden die Tiere über die Kante hinweg nach unten schauen.

Selbst einzelne Schuppen am Kopf und an den Beinen sowie die großen Hornschilde des Rückenpanzers wurden deutlich herausgearbeitet. Gleichzeitig ist die Darstellung unverkennbar künstlerisch stilisiert. Besonders die stark betonten, großen Panzerschilde sorgen dafür, dass die Tiere auch aus größerer Entfernung als Schildkröten erkennbar bleiben.

Nahaufnahme einer steinernen Landschildkröte an einer Jugendstilfassade in Stuttgart.
Erstaunlich detailreich: Kopf, Beine und Panzer wurden plastisch ausgearbeitet. Die Schildkröte scheint regelrecht aus der Fassade herauszukriechen.

Eine zoologisch genaue Artbestimmung wäre bei einer solchen Architekturdarstellung allerdings nicht sinnvoll. Die Tiere zeigen die allgemeinen Merkmale einer Landschildkröte, ohne die für eine Artbestimmung notwendigen diagnostischen Einzelheiten zuverlässig wiederzugeben.

Und vielleicht liegt gerade darin ein Teil ihres Reizes: Trotz der deutlichen Stilisierung wirken Körperhaltung und Gesichtsausdruck erstaunlich lebendig.

Seitliche Nahaufnahme einer plastisch gearbeiteten Schildkrötenfigur an einem Jugendstilhaus in Stuttgart.
Von der Seite wird besonders deutlich, wie weit Kopf und Vorderkörper der Schildkröte aus der Fassade herausragen.

Schildkröten, Nixen und andere Fassadenbewohner

Die vier Schildkröten sind keineswegs die einzigen außergewöhnlichen Fassadenbewohner in diesem Teil Stuttgarts. Gerade der Jugendstil griff häufig Formen aus der Natur auf. Pflanzen, Blätter und Früchte wurden ebenso zu Schmuckelementen wie Tiere, menschliche Gestalten und Fabelwesen.

Das lässt sich an den Häusern der Brüder Kärn besonders schön beobachten. Auch heutige Architekturführungen durch Stuttgart heben die vielfältige Figurenwelt dieses Ensembles hervor. Eine Führung beschreibt die Schickhardtstraße sogar mit den Worten „Schildkröten, Nixen und Neptun“.
Zum Jugendstilspaziergang in Stuttgart

Die Stuttgarter Zeitung zeigt bei einem Architekturspaziergang ebenfalls die Häusergruppe in der Schickhardtstraße und verweist unter anderem auf einen Wassermann und weitere figürliche Fassadendetails. Stuttgarter Zeitung
Zum Architekturspaziergang der Stuttgarter Zeitung

Jugendstilornament mit steinerner Schildkröte, Blättern und verschlungenem Schnurmotiv an einer Stuttgarter Fassade.
Schildkröte, Blattschmuck und kunstvoll verschlungene Schnüre bilden gemeinsam ein plastisches Ornament.

Besonders gut lässt sich hier erkennen, wie eng die Schildkröten mit der übrigen Gestaltung verbunden sind. Über ihnen sitzen kräftige Pflanzenornamente. Daneben ziehen sich band- oder seilartige Formen über die Pfeiler und enden in auffälligen Knoten.

Die Tiere wirken deshalb nicht wie einzelne, später hinzugefügte Dekorationen. Sie sind Bestandteil eines größeren Fassadenentwurfs, bei dem Architektur und Ornament ineinandergreifen.

Steinerne Schildkröte neben einem langen verschlungenen Jugendstilornament an einem Stuttgarter Wohnhaus.
Schildkröte und Knotenornament sind unmittelbar miteinander verbunden und folgen gemeinsam der Architektur des Erkers.

Ein besonderes Ensemble des Stuttgarter Jugendstils

Die Häuser in der Schickhardtstraße gehören zu den markanten erhaltenen Beispielen des Stuttgarter Jugendstils.

Die Häusergruppe wird auch in heutigen Architekturführungen und Architekturspaziergängen immer wieder hervorgehoben. Die Stuttgarter Zeitung bezeichnet sie als Mietshausgruppe von Emil und Paul Kärn und ordnet sie dem Jugendstil zu. Stuttgarter Zeitung

Die Häuser stehen zudem exemplarisch für die Arbeit der Brüder Kärn in Stuttgart. Auch an anderen erhaltenen Gebäuden der Stadt ist ihre Vorliebe für organische Formen und plastischen Fassadenschmuck zu erkennen. Ein Bericht über ein weiteres von ihnen geschaffenes Gebäude hebt ausdrücklich ihre Liebe zu Details und organischen Formen hervor. Stuttgarter Zeitung

Jugendstilhaus in Stuttgart mit Erker, Balkon und plastischem Fassadenschmuck.
Auch dieses Haus mit Schildkrötenschmuck besitzt einen reich gestalteten Erker.

Die Schildkröten wurden nicht einfach kopiert

Beim Vergleich der beiden Erker wird ein schönes Detail sichtbar: Das Motiv wurde nicht einfach identisch wiederholt.

Form der Balkone, Fensteröffnungen, Pflanzenornamente und einzelne architektonische Linien unterscheiden sich. Die Schildkröten erscheinen je nach Fassadenabschnitt und Blickwinkel ebenfalls etwas anders in ihre Umgebung eingebettet.

Der gemeinsame Grundgedanke bleibt jedoch derselbe: Je zwei Tiere flankieren einen Balkon und strecken Kopf und Vorderkörper aus der Fassadenfläche heraus.

Zwei steinerne Schildkröten an einem Jugendstilbalkon in Stuttgart.
Beim zweiten Erker wiederholt sich das Motiv: Auch hier sitzt jeweils eine Schildkröte an jeder Seite des Balkons.

Eine Fassade, bei der es viel zu entdecken gibt

Gerade solche Details zeigen, warum Jugendstilfassaden bis heute so spannend sind.

Hier gibt es keine einzige Fläche, auf die sich der Blick beschränken müsste. Geschwungene Fensterrahmungen treffen auf unterschiedliche Oberflächen, florale Ornamente auf plastische Figuren und kräftige architektonische Linien auf überraschend feine Einzelheiten.

Eine dekoraive Schildkrötenfigur an einer Jugendstilfassade in Stuttgart.
Die Schildkröten sind alle individuell geformt und unterscheiden sich voneinander.

Auch die Stuttgarter Zeitung beschreibt die Häusergruppe als besonders sinnliches Beispiel des Stuttgarter Jugendstils. Die Fotos des Architekturspaziergangs zeigen, wie vielfältig die Fassaden der drei Gebäude tatsächlich gestaltet sind. Stuttgarter Zeitung

Das Auge wandert deshalb fast automatisch über die Häuserfront. Und irgendwann begegnet es einer Schildkröte.

Oder gleich vier.

Frontal von unten fotografierte steinerne Schildkröte an einer Jugendstilfassade.
Von schräg unten betrachtet scheint diese Schildkröte direkt auf die Passanten hinabzublicken.

Warum ausgerechnet Schildkröten?

Eine gesicherte Erklärung dafür, warum Emil und Paul Kärn an den Häusern in der Schickhardtstraße gerade Schildkröten als Fassadenmotive verwendeten, ist bislang nicht bekannt.

Schildkröten besitzen in unterschiedlichen Kulturen und Epochen vielfältige symbolische Bedeutungen. Sie können unter anderem für Langlebigkeit, Beständigkeit, Schutz oder Weisheit stehen. Einen Überblick über diese kulturellen und mythologischen Zusammenhänge gibt es auf TASCHENDINOS unter Mythologie der Schildkröte.

Für die Gebäude in der Schickhardtstraße lässt sich jedoch nicht belegen, dass eine dieser Bedeutungen für die Wahl des Motivs ausschlaggebend war. Eine konkrete symbolische Deutung der vier Schildkröten wäre daher spekulativ.

Gut einordnen lassen sie sich dagegen in die Formensprache des Jugendstils. Naturmotive, Pflanzen, Tiere sowie fantastische und menschliche Figuren gehörten zu seinem charakteristischen Formenschatz. Auch an den Stuttgarter Fassaden dieser Zeit findet sich eine auffallend vielfältige Tier- und Pflanzenwelt.

Die Schildkröten der Schickhardtstraße können deshalb als Bestandteil dieser reichen Jugendstilornamentik verstanden werden. Zugleich sind sie durch ihre plastische und ungewöhnlich lebendige Gestaltung bis heute ein besonders auffälliges Detail der Fassaden.


Quellen und weiterführende Informationen

Stuttgarter Zeitung: Sieben der sinnlichsten Jugendstil-Bauten in Stuttgart
Architekturspaziergang mit der Mietshausgruppe von Emil und Paul Kärn in der Schickhardtstraße und zahlreichen Detailaufnahmen der Fassaden.
Stuttgarter Zeitung

Stuttgarter Zeitung: Zwischen Erkern und Nixen flanieren
Fotostrecke zum Stuttgarter Jugendstil mit den Häusern der Brüder Kärn in der Schickhardtstraße, dem Wassermann und weiteren Fassadenfiguren.
Stuttgarter Zeitung

Jugendstilspaziergang Stuttgart – Silke Amos
Stadtführung durch den Stuttgarter Jugendstil mit dem Ensemble in der Schickhardtstraße und dem Hinweis auf „Schildkröten, Nixen und Neptun“.
Informationen zur Führung

Landeshauptstadt Stuttgart – Denkmalschutz
Informationen der Stadt Stuttgart zu Kulturdenkmalen und zur Unteren Denkmalschutzbehörde.
Denkmalschutz der Landeshauptstadt Stuttgart Landeshauptstadt Stuttgart

Stuttgarter Zeitung: Architektur im Stuttgarter Osten
Der Beitrag zeigt ein weiteres Gebäude der Brüder Emil und Paul Kärn und hebt deren Verwendung von Details und organischen Formen hervor.
Stuttgarter Zeitung


Mehr kulturelle Schildkröten-Exkursionen

Diese Stuttgarter Jugendstil-Schildkröten sind Teil unserer fortlaufenden Reihe „Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp“, in der wir besondere Schildkrötendarstellungen an Gebäuden, Brunnen, Denkmälern und anderen Orten vorstellen.
Eine Übersicht über die bisherigen Entdeckungen finden Sie auf der Sammelseite Auf den Spuren der Schildkröten mit Elke Wallrapp.
Zuletzt führte uns die Reise nach Bamberg zur Tschernobyl-Schildkröte – Kulturelle Schildkröten-Exkursion 13, einem eindrucksvollen Mahnmal am Regnitzufer.