Rund ums Schildkrötenjahr

Europäische Landschildkröten im Herbst: Vorbereitung auf die Kältestarre

Wann beginnt die Vorbereitung auf die Kältestarre? Wann werden die Temperaturen abgesenkt und wann ist der richtige Zeitpunkt für die Einwinterung? Wie sollte das Temperaturmanagement jetzt aussehen?

Die Platzierung der Sensoren von Thermometern und Thermostaten ist ein wichtiger Bestandteil des Temperaturmanagements im Frühbeet,

Für Europäische Landschildkröten in ihren Ursprungsgebieten beginnt der Herbst deutlich später, als es unser mitteleuropäisches Wetter manchmal vermuten lässt. Entscheidend sind nicht einzelne kalte Nächte bei uns, sondern die jahreszeitlichen Bedingungen im natürlichen Habitat.

Deshalb orientieren wir uns bei Temperatur, Licht und Sonnenstunden möglichst an den Klimadaten der Herkunftsgebiete und unterstützen die Tiere im Frühbeet oder Gewächshaus mit entsprechender Technik.

Inhalt

🌞 Anfang September: Aktiv bleiben wie im Habitat

Im natürlichen Habitat sind Europäische Landschildkröten im September und Oktober noch ausgesprochen aktiv. Nach der sommerlichen Trockenphase und Ästivation werden manche Populationen mit den veränderten Bedingungen sogar wieder deutlich aktiver als in der trocken Sommerhitze.

Auch in menschlicher Obhut sollten die Tiere deshalb jetzt nicht vorschnell in eine Ruhephase geraten. Ziel ist es, mithilfe von Licht und Wärme einen mediterranen Spätsommer und Herbst zu simulieren.

Wärme und Licht

Gerade mit zunehmend kühlen Nächten wird die Technik im Frühbeet oder Gewächshaus wichtig:

  • Eine thermostatgesteuerte Heizung sorgt für die notwendige Grundtemperatur.
  • Ein warmer, heller UV-Sonnenplatz ermöglicht den Tieren, sich auf Aktivitätstemperatur zu bringen.
  • Auf Panzerhöhe des größten Tieres sollte der Sonnenplatz etwa 35 °C erreichen.
  • Reptilien-LEDs können die Grundbeleuchtung ergänzen.

Die Beleuchtungszeiten können sich an Sonnenaufgang und Sonnenuntergang im Habitat orientieren. Wer die genaue Herkunft seiner Tiere kennt, kann die entsprechenden Klimadaten besonders gezielt nutzen. Für Korfu kann der Sonnenplatz zu dieser Jahreszeit beispielsweise noch ungefähr von 7 bis 20 Uhr angeboten werden.

Die natürliche Strahlungsintensität im Habitat ist auch im Herbst erheblich höher als bei uns und lässt sich selbst mit guter Technik nur annähernd nachbilden. An geeigneten warmen Tagen sollten die Schildkröten deshalb weiterhin Zugang zum Außengehege und damit zu natürlichem Sonnenlicht haben.

Jetzt lohnt es sich auch, bei der Ernte der Futterpflanzensamen hohe oder stark beschattende Pflanzen zurückzuschneiden und Sonnenplätze wieder freizulegen.

Jetzt an Gesundheit und Überwinterung denken

September ist außerdem der Zeitpunkt, die gesundheitlichen Voraussetzungen für die kommende Starre zu überprüfen.

Falls noch nicht geschehen, sollte jetzt möglichst zeitnah eine Kotprobe auf Darmparasiten untersucht werden. Auch ein Vor-Starre-Check bei einem reptilienkundigen Tierarzt sollte jetzt erfolgen.

Gleichzeitig sollte die geplante Überwinterungsmöglichkeit vorbereitet werden:

Wer noch keine geeignete Technik im Frühbeet oder Gewächshaus besitzt, sollte ebenfalls jetzt nachrüsten. Auch die notwendige Reservetechnik sollte nun überprüft werden.

Merksatz: Eingewintert wird keinesfalls im September oder Oktober. Bei vielen Tieren liegt der Zeitpunkt später, ungefähr rund um Nikolaus. Voraussetzung für eine Einwinterung ist, dass die Schildkröte vorher 1-2 Wochen bei Temperaturen dauerhaft unter 8 °C verweilt hat.


🍂 Anfang Oktober: Noch keine Temperaturabsenkung

Auch Anfang Oktober sind Europäische Landschildkröten in ihren Habitaten häufig noch aktiv. Erste Herbstregen führen dort vielerorts dazu, dass frische Futterpflanzen austreiben.

Bei mildem Wetter über 15 °C dürfen die Schildkröten noch das verkleinerte Gehege aufsuchen.
Anschließend wärmen sie sich unterm warmen, hellen Sonnenplatz auf.

Weiterführend

Gerade wenn im Herbst noch Futter gesammelt wird oder das Gehege neu bepflanzt wird, ist eine sichere Pflanzenbestimmung wichtig. Das TASCHENDINOS Handbuch Giftpflanzen hilft dabei, problematische und giftige Pflanzen im Schildkrötengehege und beim Futtersammeln sicherer zu erkennen.

Deshalb halten wir die Tiere auch bei uns weiterhin aktiv und simulieren mithilfe von Licht und Wärme einen mediterranen Herbst.

Testudo hermanni boettgeri unter dem warmen hellen UV-Sonnenplatz mit 35 °C.

Für Griechische Landschildkröten können die Grundtemperaturen zu diesem Zeitpunkt beispielsweise noch ungefähr bei

  • 20 °C nachts
  • 25–27 °C tagsüber

liegen. Bei Maurischen Landschildkröten können je nach Herkunft etwa 2–3 °C höhere Temperaturen sinnvoll sein.

Eine deutliche Absenkung bereits Anfang Oktober wäre kontraproduktiv. Nachttemperaturen um 15 °C treten in vielen Herkunftsgebieten erst deutlich später auf und sind dort Teil des jahreszeitlichen Signals in Richtung Kältestarre.

Im Oktober sollten Halter, die ihre Tiere im Kühlschrank überwintern wollen, alles Notwendige dafür anschaffen.

Futter und Wasser bleiben verfügbar

Futter wird weiterhin angeboten. Ebenso steht frisches Wasser zur Verfügung.

Die Tiere sollten selbst entscheiden können, ob sie trinken oder baden möchten. Ein Zwangsbaden ist nicht erforderlich.

Voraussetzung dafür ist eine geeignete Warmhaltung im beheizten Frühbeet oder Gewächshaus, damit die Tiere ihren Stoffwechsel bei Bedarf auf Aktivitätstemperatur bringen können.

Bei mildem Wetter können sie weiterhin das Außengehege nutzen und sich anschließend wieder unter dem warmen, hellen Sonnenplatz aufwärmen.

Warum wir den Herbst technisch unterstützen

Wir möchten vermeiden, dass Schildkröten über längere Zeit bei Temperaturen gehalten werden, die weder eine normale Aktivität noch eine echte Kältestarre ermöglichen. Dafür nutzen wir im Herbst gezielt Technik im Frühbeet oder Gewächshaus.

Heizung und Beleuchtung werden kontrolliert eingesetzt. Thermostate regeln die Grundtemperatur, Thermometer und richtig platzierte Sensoren ermöglichen die Überwachung.

Weiterführend

Wer Frühbeet, Heizung, Beleuchtung, UV-Versorgung und Temperatursteuerung genauer verstehen oder die Technik für Herbst und Winter sicher planen möchte, findet die Zusammenhänge ausführlich im TASCHENDINOS Handbuch Technik. Dort werden auch die technische Absicherung sowie Kühlschrank- und Grubenüberwinterung behandelt.

Kühlschrank- Überwinterer sollten jetzt alles Notwendige organisieren, siehe Einkaufsliste Kühlschrank-Überwinterung.

🍁 Mitte Oktober: Ruhe ist noch keine Kältestarre

Mit sinkenden Außentemperaturen werden manche Schildkröten nun zeitweise ruhiger oder graben sich häufiger ein.

Das bedeutet jedoch noch nicht, dass sie sich bereits in Kältestarre befinden.

Eine echte Kältestarre findet erst bei Temperaturen dauerhaft unter 8 °C statt. Der für Europäische Landschildkröten geeignete Starrebereich liegt idealerweise ungefähr bei 4,5 –7 °C.

Entscheidend sind dabei die Temperaturen unmittelbar dort, wo sich die Tiere befinden, insbesondere im Erdreich beziehungsweise im Überwinterungssubstrat.

Wenn die Tiere Mitte Oktober abtauchen, ruhen sie daher zunächst lediglich.

Tiere im Außengehege weiterhin absichern

Wer seine Schildkröten abends nur schwer wiederfindet, sollte das Außengehege jetzt deutlich verkleinern und die Tiere früher sichern.

Bereiche, in denen die Tiere nicht verschwinden sollen, lassen sich mit Steinplatten oder Kalkschotter gegen tiefes Eingraben absichern.

Abends vor Einbruch der Dunkelheit sollten alle Tiere wieder sicher im geschützten Frühbeet oder Gewächshaus sein, damit sie vor Fressfeinden und zu kalten Nachttemperaturen geschützt sind.


🍁 Ende Oktober: Start der kontrollierten Temperaturabsenkung

Erst gegen Ende Oktober verändern sich in vielen natürlichen Habitaten die Bedingungen deutlich.

Temperaturen und Sonnenstunden gehen zurück. In den Herkunftsgebieten Griechischer Landschildkröten beginnt nun zunehmend die jahreszeitliche Vorbereitung auf die Kältestarre.

Klimadaten zeigen, dass die entscheidende Herbstveränderung unter anderem mit sinkenden Nachttemperaturen und einer deutlichen Abnahme der Sonnenstunden zusammenfällt. In den bisher zugrunde gelegten Klimadaten liegt dieser Bereich bei weniger als etwa 150 Sonnenstunden im Monat und dauerhaft sinkenden Nachttemperaturen in Richtung 15 °C.

Je nach Habitat kann dieser deutliche Temperaturabfall ab Ende Oktober bis Mitte November einsetzen. Genau daran orientieren wir unsere Haltung.

Schrittweise statt plötzlich

Eine artgerechte Temperaturabsenkung ist nur mit Technik im hochwertigen Frühbeet möglich (Foto: Landschildkrötenhilfe Freiberg)

Die Temperaturen werden nicht abrupt abgesenkt, sondern über mehrere Wochen schrittweise reduziert.

Je nach Art, Herkunft und Ausgangsbedingungen kann die kontrollierte Temperaturabsenkung ungefähr vier bis sechs Wochen dauern.

Bei Griechischen Landschildkröten kann sie häufig Ende Oktober beginnen. Bei Winterstarre-haltenden Testudo graeca kann je nach Herkunft etwas später gestartet werden.

Die Vorbereitung erfolgt grundsätzlich unabhängig von der gewählten Überwinterungsform – ob die Schildkröten später im Kühlschrank, in einer geschützten Überwinterungsgrube oder in einem geeigneten Gewölbekeller überwintern.

Der Sonnenplatz bleibt bis zuletzt erhalten

Während der gesamten Temperaturabsenkung muss weiterhin täglich ein warmer, heller Sonnenplatz zur Verfügung stehen.

Bis zuletzt sollten mindestens etwa fünf Stunden täglich angeboten werden.

Ein Chart aus dem Vortrag „Die Kontrollierte Kühlschranküberwinterung“

So können die Schildkröten ihren Stoffwechsel bei Bedarf noch einmal aktivieren, Nahrung verstoffwechseln sowie Kot und Urat absetzen.

Wichtig: Die Sonnenlampe wird nicht bereits während der Temperaturabsenkung ausgeschaltet. Sie wird erst ausgeschaltet, wenn die Vorbereitung abgeschlossen ist und alle Tiere mehrere Tage vollständig abgetaucht sind.

Woche für Woche zur Starre

Die ausführliche Übersicht zur 6-wöchigen Temperaturabsenkung bis zur Starre führt Schritt für Schritt durch die Vorbereitung. Zu beachten ist hierbei, dass die eigentliche Temperaturabsenkung in der Regel über 4 Wochen erfolgt und die Tiere im Anschluß 1-2 Wochen im Frühbeet starren, bevor sie eingewintert werden können. Bei Tieren aus wärmeren südlichen Habitaten kann die Absenkung entsprechend langsamer erfolgen.

Wer eine Kühlschranküberwinterung plant, kann während dieser Wochen gleichzeitig den Kühlschrank vorbereiten und mit den später verwendeten Boxen einfahren.

Ein warmer, heller Sonnenplatz ist sehr wichtig für die artgerechte Vorbereitung.

Weiterführend

Die komplette Kühlschrank-Überwinterung von der kontrollierten Temperaturabsenkung über das Einfahren und Absichern des Kühlschranks bis zu Kontrollen und Auswinterung wird Schritt für Schritt im TASCHENDINOS Handbuch Kühlschrank-Überwinterung erklärt.


❄️ Ende November: Jetzt beginnt die eigentliche Kältestarre

Am Ende der Temperaturabsenkung werden die Temperaturen im Frühbeet auf ungefähr 5–6 °C abgesichert.

Dabei sind unter anderem die Hysterese des verwendeten Thermostats, die Steuerung der Heizung sowie die korrekte Platzierung der Temperatursensoren zu berücksichtigen.

Die Schildkröten sollten nun zunächst mindestens eine, besser zwei Wochen dauerhaft unter 8 °C starren.

Erst jetzt handelt es sich tatsächlich um eine Kältestarre.

Das erklärt auch, warum ein Tier, das sich bereits im Oktober eingegraben hat, noch lange nicht automatisch „in Winterstarre“ ist.


❄️ Anfang Dezember: Einwinterung rund um Nikolaus

Ein bewährter Merksatz lautet: Einwinterung ungefähr rund um Nikolaus.

Der genaue Zeitpunkt richtet sich immer nach den tatsächlichen Temperaturen und dem Zustand der Tiere. Entscheidend ist nicht das Kalenderdatum allein, sondern dass die Tiere zuvor bereits zuverlässig und dauerhaft bei Temperaturen unter 8 °C starren.

Kühlschranküberwinterung

Tiere, die kontrolliert im Kühlschrank überwintern sollen, werden erst umgesetzt, wenn sie bereits mindestens eine, besser zwei Wochen zuverlässig in Kältestarre sind.

Der Kühlschrank sollte zu diesem Zeitpunkt mit den Überwinterungsboxen vollständig eingefahren sein, stabile Temperaturen halten und entsprechend abgesichert sein. Weitere Hinweise zu Kühlschrank und Starreboxen sowie zur zusätzlichen Absicherung mit dem UT300 Equiva finden sich in den verlinkten Beiträgen.

Idealerweise bemerken die Schildkröten vom Umsetzen möglichst wenig.

Ausführliche Informationen finden sich in den Artikeln zur kontrollierten Kühlschranküberwinterung, zur Einwinterung in den Kühlschrank und in der Checkliste für die Einwinterung.

Noch ausführlicher behandelt das TASCHENDINOS Handbuch Kühlschrank-Überwinterung den gesamten Ablauf von der Vorbereitung bis zur Auswinterung.

Grubenstarre

Eine Überwinterung in der Grube sollte ausschließlich in einer gegen Frost und Fressfeinde gesicherten Anlage erfolgen.

Auch dort müssen stabile Temperaturen im geeigneten Starrebereich gewährleistet werden. Je nach Bauweise sind dafür eine entsprechende Isolierung und technische Absicherung notwendig.

Weitere Informationen gibt es im Artikel zur Grubenstarre und im Beitrag zu Frühbeet und Überwinterungsgrube.

Das TASCHENDINOS Handbuch Technik beschreibt außerdem Technik rund ums Schildkrötenjahr sowie Aufbau und Absicherung einer Überwinterungsgrube ausführlich.


✅ Das Wichtigste in Kürze

Die Vorbereitung Europäischer Landschildkröten auf die Kältestarre beginnt nicht mit dem ersten kalten Herbsttag in Deutschland. Entscheidend ist der jahreszeitliche Rhythmus im natürlichen Habitat.

Frisch aus der Erde aufgetauchte Testudo graeca (Maurische Landschildkröte ssp), im Habitat in der Südtürkei nach der Ästivation (Sommerruhe)
  • September und Anfang Oktober: Die Tiere bleiben aktiv. Wärme, Licht, UV und ein warmer Sonnenplatz unterstützen den mediterranen Herbst.
  • Mitte Oktober: Die Tiere können zeitweise ruhiger werden oder sich eingraben. Das ist noch keine Kältestarre.
  • Ab Ende Oktober: Temperaturen und Beleuchtungsdauer werden kontrolliert und schrittweise reduziert.
  • Ende November: Die Tiere erreichen dauerhaft Temperaturen unter 8 °C und beginnen tatsächlich zu starren.
  • Anfang Dezember: Nach mindestens ein bis zwei Wochen stabiler Kältestarre kann die endgültige Einwinterung erfolgen. Als Orientierung lässt sich dafür häufig die Zeit rund um Nikolaus merken.

Grundtemperatur, Licht, Sonnenstunden und Temperaturverlauf geben dabei den Rhythmus vor. Gute Technik und eine genaue Beobachtung der Tiere ermöglichen es, die jahreszeitlichen Bedingungen des natürlichen Habitats auch in unserem Klima möglichst sinnvoll nachzubilden.

Futter wird weiterhin angeboten, und frisches Badewasser. Die Tiere sollten in artgerechter Haltung selbst entscheiden können, ob sie baden möchten. Dieses Vorgehen erfordert allerdings zwingend eine artgerechte Warmhaltung im beheizten Frühbeet oder Gewächshaus.